Einleitung


Diese Arbeit soll das Leben und Werk von Marianne Brandt, eine der wichtigsten Gestalterinnen des 20. Jahrhunderts, würdigen und ihr einen gebührenden Platz in der Kunstgeschichte einräumen. Ein erster Schritt dazu war meine Diplomarbeit von 1991, auf deren Ergebnissen diese Dissertation aufbaut.
Ihr Teeservice, die Tee-Extraktkännchen und die zahlreichen Lampen werden oft und zahlreich in der Literatur reproduziert, die Gestalterin ist eher unbekannt. Bisher hat sie in der Rezeption des Bauhauses eine unbedeutende Rolle gespielt, und dies, obwohl das von Marianne Brandt gestaltete Gebrauchsgerät das realisierte Programm des Bauhauses unter Gropius verkörpert - funktional gestaltete, ökonomisch durchdachte und für die Serienproduktion geplante, oft auch realisierte Gegenstände.

Marianne Brandt, die in vielen Ländern mit Namen und Werk ein Begriff ist, erfuhr in der DDR und besonders in Chemnitz nie eine Würdigung ihrer Leistungen. Sie hat fast drei Jahrzehnte bis zum Ende ihres Lebens in Chemnitz oder in deren Umgebung gelebt. Ihre großen Leistungen erfahren keinerlei Anerkennung. Chemnitz besitzt kein Werk aus ihrer erfolgreichen Bauhauszeit. Zahlreich vorhandene Arbeiten der späteren Jahre bleiben im Fundus der Institutionen. Sogar zum 100. Geburtstag von Marianne Brandt war in regionalen Zeitungen keine Ehrung zu finden, ganz zu schweigen von der notwendigen Würdigung durch eine Ausstellung. Den Bürgern der Stadt, selbst Kunst- und Kulturinteressierte nicht ausgeschlossen, ist der Name Marianne Brandt unbekannt. Die Chance dieser Stadt, nach dem jahrzehntelangen Totschweigen ihres Namens, diese Versäumnisse wieder gutzumachen, bleibt bis jetzt ungenutzt.

Auch ihre formgestalterische Tätigkeit in den Anfangsjahren der DDR, an der Dresdener Hochschule für Werkkunst und am Berliner Institut für industrielle Gestaltung verdient Beachtung und Würdigung, was bisher kaum geschah. Die frühen Jahre der DDR-Kultur sind wenig erforscht. In den Anfangsjahren lebte der Bauhausgedanke neu auf. Marianne Brandts Lebensprozeß spiegelt das doppelte Trauma vom Verbot des Bauhauses durch die Nazis bis hin - in anderer Form - vom Druck des Formalismus-Verdikts und Stalinismus wider. Ihr Werk verdeutlicht das.