Kindheit in Chemnitz und Studium an der
Weimarer Kunsthochschule 1893 - 1923

Heimat von Marianne Brandt war das Erzgebirge, eine wichtige Quelle für ihr künstlerisches Schaffen.
Geboren am 1. Oktober 1893 in Chemnitz, verbrachte sie dort gemeinsam mit den beiden älteren Schwestern ihre Kindheit. Ihr Vater Franz Bruno Liebe war ein in der Stadt anerkannter Rechtsanwalt und verheiratet mit Clara Franziska Liebe, geborene Hänel. Die Familie wohnte in einem gutbürgerlichen Viertel, dem sog. "Gerichtsviertel". Zwischen 1900 und 1901 zogen sie in ein nahegelegenes Haus ebenfalls auf dem Kaßberg, das Eigentum der Familie war. Marianne Liebe und ihre beiden Schwestern Hanna und Susanne (die vierte Schwester Lisa starb fast zweijährig an Diphtherie) erlebten ihre Kindheit in einem wohlhabenden, jedoch nicht reichen Elternhaus. Sie wurden evangelisch-lutherisch erzogen. Die Familienatmosphäre war vermutlich sehr harmonisch, musische Interessen wurden gefördert. Jedes Familienmitglied erlernte ein Musikinstrument, so spielte die Schwester Susanne Klavier. Marianne Liebe lernte Geige, verschiedene Flöten und Akkordeon. Gemeinsame Hausmusik war sicher nichts seltenes und wurde später von den drei Schwestern fortgeführt, die sich im Alter gern auf das gemeinsame Musizieren besannen.
Marianne Liebe erbte die besonders musische Begabung des Vaters, der Stadtverordneter der Stadt Chemnitz, Mitglied der Kunsthütte und des Theatervereins war. Die Kunstsammlungen von Chemnitz verdanken ihm anläßlich der Gründung am 1.4.1920 eine große Schenkung von Gemälden und Plastiken. "In seiner knapp bemessenen freien Zeit widmete er sich mit ausgesuchter Vorliebe Goethe und der Kunst des klassischen Altertums. Wenige werden so oft wie er Italien bereist haben." (Liebe 1937) Über die Mutter von Marianne Brandt ist leider kaum etwas bekannt. Die Familie Liebe verbrachte fast jeden Urlaub in Italien oder in den deutschen bzw. österreichischen Alpen. Auch Marianne Liebe liebte stets das Wandern, war Mitglied der Bewegung "Wandervögel" und fuhr gern Ski.
Der Vater hatte erst spät geheiratet. In den bürgerlichen Vereinen der Stadt Chemnitz war die Familie Liebe, vielleicht auch deswegen, nicht vertreten, blieb isoliert. Aber auf dem Kaßberg gehörten sie einem festen Freundeskreis an (Familien Emmrich, Liebe, Renger), der sich oft traf.
Nachdem Marianne Liebe von 1900 bis 1903, die Grundstufe in der höheren Abteilung einer Bürgerschule absolviert hatte, besuchte sie bis zum 14. Lebensjahr - 1903 bis 1909 - eine Höhere Privatmädchenschule in Chemnitz, die Binder-Schule, lernte dort u. a. Fremdsprachen (Französisch und Englisch). Vermutlich ging sie, wie damals üblich, nach dem Gymnasium ein Jahr in Pension nach Frankreich oder England. Die älteste Schwester Hanna half dem Vater in der Rechtsanwaltspraxis - war es ihr Wunsch oder eventuell eine Pflicht für die älteste Tochter? Marianne Liebe jedenfalls konnte bald ihrem Interesse, der Kunst, nachgehen.

1911 übersiedelte Marianne Liebe, nun 18jährig, nach Weimar, um dort die freie Zeichenschule (Herbst 1911 bis September 1912) von Prof. Flitzer zu besuchen. Anschließend wurde sie am 21. September 1912 als "Probearbeit in die Gyps- und Naturschule aufgenommen" (THsa Weimar Mappe 280, Blatt 397) wo sie bis Juni 1913 blieb.
Als die Vorbereitungen zur Aufnahme in die Hochschule für Bildende Kunst abgeschlossen waren, wurde sie am 15. März 1913 "als Studierende unserer Anstalt und zwar in die Zeichenklasse aufgenommen" (THsa Mappe 280, Blatt 396, Vgl. auch Blatt 395). Nachdem Marianne Liebe am 21. Juni 1913 von der "Zeichenklasse in die Naturschule versetzt" wurde, wählte sie sich Prof. Mackensen als ihren Lehrer. (THsa Mappe 280, Blatt 393, 394) Marianne Liebe gehörte sicher noch zu einer Minderheit von Frauen, die ein Studium der Malerei bzw. Plastik aufnahmen; erst 1904 wurde an der Schule eine Damenklasse eingerichtet. Sie studierte bei Mackensen, ab 1914 auch bei Robert Weise Malerei, später bei Wilhelm Engelmann Plastik. Hier an der Kunsthochschule lernte sie ihren künftigen Mann Erik Brandt kennen, ebenfalls Student an der Schule. Beide besuchten aber nur selten die Vorlesungen und Seminare, arbeiteten viel lieber im eigenen Atelier. Kommilitonen waren u. a. Hans Arp, Otto Pankok und in der Bildhauerklasse Otto Lindig.
1914, zu Beginn des Krieges, wurde Prof. Mackensen, der die Schule 1916 gänzlich verließ, als Direktor abgelöst und statt dessen Max Thedy eingesetzt. Zwar wurde der Unterricht fortgeführt, die Räume der Hochschule wurden aber als Lazarett zur Verfügung gestellt
Von September 1916 bis November 1917 unterbrach Marianne Liebe ihr Studium. "Da ich gedenke meine Studien in München fortzusetzen, melde ich hierdurch meinen Austritt aus der Hochschule an." (THsa Weimar Mappe 280, Blatt 391) In ihrem ersten eigenen Atelier in Weimar, das sie sich nach ihrer Rückkehr 1917 "zu einer bestimmten Arbeit" (THsa Weimar Mappe 280, Blatt 388) erbat, entstanden vorwiegend Landschaften, Akte und Porträts. "Auf Beschluss des Lehrerkollegiums wurde sie wieder als Studierende der Hochschule und zwar in die Naturschule des Herrn Professor Weise mit Erlass der Aufnahmegebühr aufgenommen. Ihrem Gesuch entsprechend wird Ihnen auf jederzeitigen Widerruf das Atelier Nr.:10 im Prellerhaus überwiesen...". (THsa Mappe 280, Blatt 385)
Marianne Liebe durfte an der Schüler-Ausstellung des Jahres 1916 (und auch 1917) teilnehmen. Ihr wurde aus diesem Anlaß "für ihre Leistungen eine mündliche Belobigung für Zeichnen zuerkannt". (THsa Mappe 280, Blatt 392) "Für die Sammlung der Hochschule wurden angekauft: aus der Naturschule der Professoren Mackensen - Weise: ... von Annemarie Liebe Zeichnung: Selbst-porträt zu Mk 40,-..." (THsa Mappe 444, Blatt 12) Auch von Erik Brandt, der in der Natur-schule von Prof. Klemm studierte, wurde eine Radierung für 20,- Mk gekauft. Ein Zeitungsartikel in der Weimarischen Zeitung vom 23. Juni 1916 beschrieb u. a. auch Marianne Liebes Ausstellungsexponate. "Marianne Liebe sieht sich einmal im Expressionismus um und wirkt daher mehr einer Hospitantin gleich
in dieser Natur atmenden Klasse." (THsa Mappe 444, Blatt 22) Am 17. September 1918 erklärte Marianne Liebe ihren Austritt aus der Hochschule. Im gleichen Jahr, erst 24 Jahre alt, konnte sie schon eine eigene Ausstellung in der renommierten Galerie Gerstenberger in Chemnitz vorweisen. Ihre Malerei war figurativ, mit dem expressionistischen Stil jener Zeit sympathisierend. Mehrere Frauenakte von 1918 und einer von 1919 zeigen diese konturbetonte, fast aggressive Gestaltung menschlicher Körper. Auch von diesem Zeitabschnitt sind Zeugnisse ihres Wirkens nur fragmentarisch erhalten, da sie ihr Frühschaffen verbrannte.
Einige von ihr geschriebene Gedichte sind erhalten, die sie später in folgende Rubriken zusammenstellte und zum Großteil neu abschrieb, "Gereimtes ohne Reim Natur", "Etwas zu viel Gefühl!" und "Gereimtes sehr Jugen(t)dliches", romantische expressionistische und traurige Lyrik, die ihre tiefe Empfindsamkeit und Verletzlichkeit widerspiegeln. Folgendes Gedicht schrieb sie als 17jährige. "Ich habe schwer geträumt / Und nun bin ich erwacht. / Eintönig tickt die Uhr, Um mich ist Nacht. Mein Auge brennt, ich sehne / Mich nach dem Morgenlicht. Möcht die Gedanken bannen / Und kann es nicht. Jan. 11" (Bauhaus Dessau 27-S-1911-01-undat.)

Vor dem 1. Weltkrieg bestanden in Weimar zwei bedeutende und über die Grenzen Thüringens hinaus bekannte Kunstinstitute, die Großherzogliche Kunsthochschule (1910 umbenannt in "Hochschule für Bildende Kunst", an der Marianne Liebe und Erik Brandt studierten) und die von Henry van de Velde 1906 bis 1908 aufgebaute Großherzogliche Kunstgewerbeschule. Beide waren räumlich verbunden. Nachdem Van de Velde im Juli 1914 kündigte, legte Walter Gropius nach Rücksprache mit Van de Velde und dem damaligen Direktor der Hochschule für Bildende Kunst Fritz Mackensen, sein neues Konzept für die Schule vor. Bis, die USPD war inzwischen schon an der Macht, Walter Gropius 1919 nachfragte, war nichts geschehen. Die wirtschaftliche Not-zeit des Krieges und die nach seinem Ende zu erwartende Armut und der Schock der revolutionären Ereignisse in Rußland und Deutschland, verleiteten das Professorenkollegium zu Reformen. Die Akademien sollten, bisher nur der sog. "hohen" Kunst dienend, auch der angewandten Kunst eine Grundlage bieten. Im gleichen Jahr wurden beide Schulen unter dem neuen Namen "Staatliches Bauhaus Weimar" zusammengeschlossen - eine reformierte Schule, die sich mit Gropius' Manifest klare Ziele setzte.
Das erste Programm des Bauhauses leitete seine Aufgaben von den sozialen und demokratischen Hoffnungen der Revolution ab. Die Professoren der alten Kunsthochschule waren bereit, an einer Erneuerung der künstlerischen Bildung mitzuwirken; allerdings vertraten die meisten die althergebrachte Staffeleikunst. Itten, Marcks und Feininger wurden berufen. Wahrscheinlich erlebten Marianne und Erik Brandt die Schülerausstellung von Gropius im Juni 1919, aber auf jeden Fall die darauffolgende Umbruchzeit nicht, da sie sich schon in Norwegen aufhielten. Jene Ausstellung wurde die Ursache für Auseinandersetzungen und bereitete vielleicht ihren späteren Entschluß, dem Bauhaus beizutreten, vor. Zahlreiche Studenten verließen das Bauhaus. Die Schule hatte sich unvermittelt von einem bürgerlichen Renommierinstitut zu einem Bürger-schreck geändert. Viele Proteste, auch mit politischem Hintergrund, folgten. Die auf dem Kapp- Putsch im März 1921 folgenden Landtagswahlen veränderten das politische Feld. Das Bauhaus wurde juristisch als Neugründung erklärt, und eine "Hochschule für Malerei" mit Thedy, Walter, Rasch, Klemm und Engelmann, bei denen Marianne Liebe noch studierte, trat die Nachfolge der Akademie an.

Zunächst aber heiratete Marianne Liebe am 12. 6. 1919 den vier Jahre jüngeren norwegischen Kunstmaler Erik Brandt (geb. 1897), den sie an der Kunsthochschule kennengelernt hatte. Eine norwegische Zeitung schrieb über ihn, "Seine Jugend und Ausbildungszeit fiel in die unruhigen Jahre nach dem vorigen Weltkrieg, als der Ideenkampf wie ein Fieber über Europa raste und von Woche zu Woche neue Richtungen auftraten. Das war eine reiche Zeit für analytische Hirne und eine wilde Zeit für unruhige Herzen. Erik Brandt wählte Mitteleuropa als seinen Studienplatz, er erlebte dort das letzte Kriegsjahr und er ging in der Geburtsstadt der Weimarer Republik auf die Akademie. Er debütierte 1920 in den Kunstverein in Oslo". (BHA 11780)
Marianne Liebe heiratete in eine sehr reiche, in Kristiana (heute Oslo) ansässige Familie, die ein prachtvolles Haus besaß, ein. Dennoch erfuhren sie von seinem Vater, einem anerkannten Chirurgen, kaum finanzielle Unterstützung. Zuerst lebten sie im Haus seiner Eltern, später bezogen beide eine gemeinsame Atelierwohnung, die aber eng und klein war und künstlerisches Arbeiten nur bedingt zuließ. Sie selbst schrieb darüber: "Es ist alles erschwert in solchem Atelierhaushalt." (BHA 10009/1-2) Marianne Brandt konnte in Norwegen nicht heimisch werden. Vielleicht war sie mit ihrer Heimat zu stark verwurzelt. Vielleicht gab es auch andere Gründe, z. B. das Studium am Bauhaus.

Ihrem einjährigen Aufenthalt in Norwegen schloß sich eine fast ebenso lange Studienreise nach Paris und Südfrankreich an, wo sie intensiv skizzierte und zeichnete. Marianne und Erik Brandt beabsichtigten, in Paris zu arbeiten, suchten unter großen Schwierigkeiten ein Atelier. Wir "sitzen im Kaffee 'zu Hause' wollen gerade abreisen ... wir sagen zu allen Leuten, wir reisen nach Italien, über Nizza, 3. Klasse. Wir sagen, wir kommen nicht wieder. Dabei unterhandeln wir immer noch wegen dem Atelier. Fest haben wir noch keins. Wir wollten aufgeben und ernstlich nach Italien um dort eins zu finden. Wir sollten morgen reisen. Gestern zeigte sich zufällig eine vorteilhafte Aussicht auf das Vielgesuchte. Nun warten wir noch ein paar Tage ab. ... Wir dachten an Kabri. Wir haben gute Pensionsadressen für verschiedene Städte und Ortschaften von Leuten, die eben da waren, teils mit skandinavischer Wirtschaft". (BHA 11776)
Nach Norwegen und Frankreich kehrte sie Ende 1921 wahrscheinlich gemeinsam mit ihrem Mann nach Weimar zurück. Den August des Jahres verbrachte Marianne Brandt zu einer Kur in Mannheim, war danach in Chemnitz. Sie verlebte ihren Urlaub in einem Gebirge von Süd-frankreich oder Italien. Vielleicht waren es auch wieder die von ihr oft besuchten Dolomiten von denen sie auf der Karte aus Paris sprach, oder auch Capri. Sehr, sehr viele Skizzen, besonders Landschaften, Ortschaften, Zeichnungen von Tieren und Pflanzen sind erhalten. Es war für sie eine produktive Zeit.

Zurückgekehrt nach Weimar, besuchte Marianne Brandt von Oktober bis Dezember 1923 weiterhin Seminare an der Hochschule für Malerei und studierte bei Prof. Engelmann. Auch ihr Mann war zu diesem Zeitpunkt in Weimar, löste sein Atelier auf und bereitete wohl die endgültige Rückkehr nach Norwegen vor.
Parallel zur Kunsthochschule begann sich Marianne Brandt, angeregt durch die 1923 vom Bauhaus organisierte Ausstellung, für diese Schule zu interessieren. "In Weimar, wo ich als Malerin lebte, trat ich in das Bauhaus ein, nachdem ich eine Ausstellung dort erarbeiteter Gegenstände gesehen hatte." (BHA 10011/2) Die Bauhaus-Woche mit Thea-ter- und Konzertveranstaltungen und auch die Bauhaus-Ausstellung haben sie sehr beeindruckt. Noch im Februar 1924 nahm sie am maltechnischen Unterricht an der Kunsthochschule teil, begann aber zusätzlich im Januar des Jahres mit dem Vorkurs am Bau-haus. Dort bekam sie von Moholy-Nagy und Albers Werk- und Materiallehre, von Kandinsky und Klee künstlerische Gestaltung gelehrt. Aus dem Vorkurs von Moholy-Nagy kennen wir eine Gleichgewichtsstudie aus Holz, Blech und Draht, einige Collagen und aus dem Vorkurs von Kandinsky Formstudien mit den Elementarformen. Das "Porträt von Alla R." und zwei Akte alter Frauen sind wohl die letzten Zeichnungen für einen längeren Zeitraum, bis sie Mitte der dreißiger Jahre mit dem Malen wieder begann.
Schon einige Jahre hatte das Bauhaus mit Widerständen der Stadt zu kämpfen, die sich im Herbst 1923, dem Zeitpunkt der Rückkehr von Marianne Brandt nach Weimar, mit dem Einmarsch der Reichswehr in Sachsen und Thüringen verschärften. Der Besetzung folgte ein Feldzug gegen die Linken, auch gegen Gropius. Der Landtag wurde im Februar 1924 aufgelöst und eine bürgerliche Regierung gewählt.
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