Werke 1911 bis 1923

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Marianne Brandts Jugend fällt in eine Zeit, in der sich 1905 in Dresden die Künstlergemeinschaften "Brücke" und 1911 in München "Der blaue Reiter" gründeten. Der deutsche Expressionismus entfaltete sich während des ersten Weltkrieges, als Marianne Brandt ihre Laufbahn als Malerin begann. Sie gehörte auch zu der Generation, für die der Erste Weltkrieg viele Werte zusammenbrechen ließ, die andererseits jedoch den Aufbruch in die Moderne der zwanziger Jahre als einen gewaltigen Fortschritt erlebte, was zugleich die Chance einer Neuorientierung war als Künstlerin und als Frau.
Der Großteil ihrer nur spärlich vorhandenen, zum Teil nur durch Fotos überlieferten, Werke der Zeit zwischen 1917 und 1923 ist dem expressionistischen Stil jener Zeit verbunden. Ihre Werke, besonders jene ab 1917 - sie hatte nun ein eigenes Atelier - lassen auf eine expressionistische Malweise schließen. Porträts ihrer Freundin
Dore F.von 1917, zwei Frauenakte mit einem Jungen, zwei Halbakte mit geneigten Köpfen von 1918 und die Frauenakte in Bewegung und Mutter mit Kind auf dem Schoß (BHA 10001/3) aus dem Jahr 1919 verdeutlichen das. Die Formen sind verzerrt, das Elementare, Strukturelle wird betont. Sie wirken zum Teil zerfahren und weisen bereits in Richtung Abstraktion. Diese wenigen Werke, die wir aus dieser Zeit kennen - die meisten sind verbrannt oder verschollen sind aufs Wesentliche ausgerichtete Ölbilder, ihre bevorzugte Technik in diesen Anfangsjahren. Auch in dem "Porträt 3x Fiffi" vermag sie mit wenigen Strichen ihr Modell gut zu charakterisieren. Die Frauen, ein vorherrschendes Thema, sind meist dicht gedrängt dargestellt. Marianne Brandt war eine ausgezeichnete figurative Malerin, eine Seite, die bisher kaum Beachtung fand. Sie probierte aus und suchte, hatte ihren eigenen Stil noch nicht gefunden. Es entstanden Werke unterschiedlichster Auffassung. Die Federlithographie "Prinzessin" von 1917 und der Kupferstich "Lautenspielender Jüngling" von 1918 weisen in die Richtung eines filigrane Jugendstils. Kaum zu glauben, daß diese Werke, im Vergleich zu den anderen, von derselben Malerin geschaffen wurden. Sie sind stark detailliert, mit Ornamenten überhäuft, die Charaktere sind überhöht und ins Komische verzerrt. Wiederum andere Arbeiten wie das Musikantenpaar (BHA 7215/3) von 1919, ein liegender Akt und ein Vorder- und Rückenakt von 1920 - Akte waren ein bevorzugtes Thema von Marianne Brandt, auch später - erinnern mit groben Pinselstrichen und dick aufgetragener Farbe an Kokoschka.
Marianne Brandt gab die vorwiegend figurative Malerei nicht auf, fand aber besonders im Vergleich zu den früheren Ölbildern eine abstraktere Ausdrucksweise. In dem Bildnis einer alten Frau, ebenfalls eine Radierung, spiegelt sich das wieder. Es ist nicht datiert, aber die Art und Weise und vor allem die Unterschrift lassen eine Einordnung in diese Zeit als relativ sicher erscheinen. Der Druck des Bildnisses umfaßt nur ein Drittel des gesamten Blattes, der Rest blieb ungenutzt. Bei diesem Halbprofil war ihr nur das kantige und karge Gesicht wichtig. Die Augen liegen sehr tief, die Nase ist überlang. Die Frau hat nichts Weiches, wirkt verhärmt und traurig. Das Charakteristische ist hervorgehoben, alles Nebensächliche weggelassen.

Nach den Aufenthalten in Norwegen, Paris, dann wieder Weimar, hielt sie sich für einige Zeit in einem Gebirge von Südfrankreich oder Italien auf. Dort setzte sie sich oft in die Natur und malte. Sehr viele Skizzen, fast ausnahmslos in Graphit oder Kreide, sind vorhanden. Sie zeichnete Katzen schlafend, liegend, in Bewegung oder nur deren Köpfe. Diese Skizzen geben routiniert und meisterhaft mit schnellen Strichen und Strukturen den spezifischen Charakter der Tiere wieder. Viel häufiger noch sind Naturstudien zu finden, meist Landschaften mit Bäumen oder Pflanzen. Sie skizzierte alte Straßen, Häuser und Ruinen der Bergdörfer, manchmal sieht man im Hintergrund Berge. Manche Arbeiten scheinen achtlos skizziert und schnell wieder beiseite gelegt. Andere zeichnete sie detaillierter und arbeitete stärker Einzelheiten aus. Für sie von Interesse waren besonders die steil ansteigenden alten Straßen, gesäumt mit Häusern, die interessante Perspektiven boten. Die Dachlandschaft mit Weg zeigt zum Beispiel eine abfallende Treppe und dahinter ineinander verschachtelte Dächer. Ein anderes ständig wiederkehrendes Thema sind alte einzelne Häuser, die sie umgeben von Bäumen und Pflanzen zeichnete. Eine schöne Skizze ist die alte Scheune. Eine Hütte mit Fässern, ein alter Bauernhof, ein Ziegenstall, eine Berghütte und eine alte Wassermühle gehören ebenfalls dazu. Außerdem betrieb sie Pflanzen-Naturstudien von Agaven, Weintrauben, Kakteen und immer wieder Bäumen bzw. Palmen, die oft im Vorder- oder Hintergrund plaziert sind. Wie auch später nach dem Krieg, zeichnete sie Interieurs, das Innere einer "Alten Mühle/Mehlstube", eine Bauernstube. Diese Skizzen erscheinen unbeschwert. Sie sind schnell zu Papier gebracht, geben die Atmosphäre der Bergdörfer sehr sicher wieder. Wahrscheinlich zeichnete sie unermüdlich und sehr gern. Diese Naturstudien scheinen ohne Bezug zu ihrer künstlerischen Vorgeschichte zu sein. Ihnen fehlt die Problembeladenheit, die Menschen und ihre Beziehungen untereinander. Frauen waren vor nur ein bis zwei Jahren ihr Hauptthema. Menschen aber fehlen in diesen Skizzen völlig, bis auf eine kleine unvollendet scheinende Studie eines Töpfers, der aber dem Interieur untergeordnet ist.

Einige Werke von 1923 lassen den Einfluß ihres Mannes Erik Brandt ahnen, der die Malerei von Marianne Brandt nicht gemocht haben soll. Seine Malerei war, laut einem Zeitungsartikel, "puritanisch" "im Colorit". "Erdfarbene Braun- und Gelbtöne waren die Haupttöne. Er gab seinen Figuren einen eigenartigen Geschlechtscharakter, selbst die Frauen bleiben ohne Weichheit. Und es ist wohl nicht ohne Bedeutung, daß er Wüstenblumen liebte; Kakteen malte er, so rauh und gefährlich, wie kein anderer norwegischer Maler." (BHA 11780) Drei dieser Radierungen von Marianne Brandt zeigen mit ihren Kindern spielende oder ihre Kinder stillende Mütter. Auf einer anderen Radierung ist eine Schwangere in eigenartig rundlichen Formen dargestellt. Der Hintergrund ist weiß geblieben, der Druck in Beige- bis Brauntönen gehalten. Den Frauen fehlt jegliche Weiblichkeit und auch ein mütterlicher Gestus. Sie sind kantig, spröde und grob verformt und haben eine männliche Ausstrahlung, vergleichbar einem Werk von Erik Brandt (BHD I 2779 G) mit ähnlicher Thematik und fast identischer Formensprache. Trotzdem oder vielleicht gerade wegen dieser Eigenartigkeit sind diese Radierungen sehr interessant. Mütter mit Kindern war ein ständig wiederkehrendes Thema, das sie sehr beschäftigte. Marianne Brandt selbst hatte nie eigene Kinder.
Aus der Folgezeit sind kaum Werke bekannt. Die Graphit-Zeichnung "Porträt Alla R." war zunächst eines ihrer letzten bildkünstlerischen Werke. Höchstwahrscheinlich beschäftigte sich Marianne Brandt schon vor der offiziellen Zugehörigkeit zum Bauhaus mit dort gestellten Aufgaben, denn anders wäre ihr Entwurf für das "Haus am Horn" und auch für den "Reitstall" nicht einzuordnen.
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