Bauhaus Dessau und Bauatelier Gropius 1925-1929

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Mit dem Umzug des Bauhauses 1925 von Weimar nach Dessau und noch intensiver, nachdem das neue Gebäude genutzt werden konnte, vollzog Walter Gropius einige wichtige Änderungen und konnte unter günstigeren Bedingungen neu aufbauen. Schon 1925 wandelte er das Bauhaus in eine GmbH um. Die Bauhaus-Produkte konnten nun auch finanziell erfolgreich verwertet werden.
Metallwerkstatt
Mit der Auflösung des Weimarer Bauhauses im April 1925 wurde die Entwicklung der Metallwerkstatt unterbrochen, ohne daß eine nennenswerte Zusammenarbeit mit der Industrie zustande gekommen wäre. Auch die ersten Jahre in Dessau blieben hinter den Erwartungen. Viele hervorragende Mitarbeiter der Metallwerkstatt wie Wilhelm Wagenfeld, Wolfgang Tümpel wechselten nicht mit nach Dessau, Gyula Pap und Karl J. Jucker waren schon Ende 1923 gegangen, Christian Dell verließ 1926 das Bauhaus. Zunächst wurde der Werkmeister Willi Wirths eingestellt, der bald von Rudolf Schwarz und dieser wiederum in Sommer 1927 von Alfred Schäfter abgelöst wurde. Es fiel ein beträchtliches schöpferisches Potential aus. Geblieben sind neben Marianne Brandt und László Moholy-Nagy auch Max Krajewski, Hans Przyrembel, Otto Rittweger, Wolfgang Rössger und Josef Knau.
In Dessau dominierte von Beginn an eine sachliche, konstruktive Richtung. Neben einer handwerklichen Ausbildung in der Metallwerkstatt waren für Marianne Brandt im 4. und 5. Semester (Herbst 1925 bis Sommer 1926) "vorwiegend theoretischer unterricht: chemie, physik, mathematik, metallurgie, künstlerische gestaltung im kurs des herrn professor w. kandinsky" vordergründig. (BHA 10015/1-5)
Otto Rittweger, ein guter Freund von Marianne Brandt, schrieb folgendes: "Die heutige Zeit hat die Art der handwerklichen Bearbeitung dieser Materialien (Silber, Messing, Kupfer) überholt, nicht aber die formalen Lösungen auf diesem Gebiete berücksichtigt. Alte Formen aus längst vergangenen Zeiten werden unentwegt mit den neuesten technischen Errungenschaften produziert. ... Durch gründliche Erwägung der Proportionen und Funktionen z. B. eines Kaffee- oder Teegeschirrs ist seine Schönheit bedingt. In diesem Falle ist die Beachtung auf ein tropffreies Gießen, leichtes Reinigen und bequemes Anfassen der Einzelgefäße zu lenken. ... In der Typisierung dieser Modelle und der Einführung von Standards liegt die einzige Möglichkeit, die Anschaffungskosten der maschinell vervielfältigten Gegenstände zu drücken und diese den weitesten Kreisen der Bevölkerung zu vermitteln. ... Nicht vom Talglicht, nicht vom Licht der Öllampe, sondern vom elektrischen Licht, dem besten, was wir besitzen, haben wir auszugehen. Somit bedingt das neue Licht auch eine neue Form seines Trägers. Aber noch andere Dinge der Hauseinrichtung greifen in unser Arbeitsgebiet, z. B. Möbel. Aluminium, das fast den gleichen Arbeitsprozessen wie die anderen Metalle ausgesetzt werden kann, bietet umfassende Möglichkeiten dazu. Auch Ebonit, Galalit usw. könnten wegen ihrer Unempfindlichkeit gegen Wärme, Kälte und Licht weit mehr angewandt werden und in vielen Fällen das Holz ersetzen. Ein Schreibtisch z. B., dessen Fabrikation und Versand (bedingt durch seine Schwere, Umfang u.s.w.) heute große Kosten und Umstände verursacht, kann bei Ersetzen des Holzes durch Aluminium wesentlich leichter, dauerhafter und zerlegbar konstruiert werden." (Rittweger 1979, S. 28, 31)

Die Metallwerkstatt in Dessau war also besser den Anforderungen der industriellen Produktion angepaßt. Die technische Ausrüstung wie eine Drückbank, Drehbank und eine Bohrmaschine, in Weimar schon dringlich benötigt, standen jetzt zur Verfügung. Unterschieden wurde von nun an laut "Arbeitsplan der Metallwerkstatt" von 1926, zwischen einer Lehrwerkstatt und einer Versuchs - und Modellwerkstatt. In der "lehrwerkstatt lernen die studierenden die metalle und deren verarbeitungsmöglichkeiten an eigenen arbeiten unter anleitung eines erfahrenen Werkmeisters kennen. die lehre wird unter berücksichtigung der zahlreichen Spezialbearbeitungsgebiete der industrie geleitet. ... versuchs- und modellwerkstatt: die formale und technische Ausbildung wird in erweiterter form durch den werkstattleiter und den werkmeister sowie durch Sonderkurse fortgeführt. die angehörigen der versuchs- und modellwerkstatt sind durch das erworbene handwerkliche können befähigt, ihre schöpferischen und experimentellen Absichten in gesteigertem maße zu verwirklichen. sie verfertigen modelle zur handwerklichen und industriellen Produktion". (zit. nach: Wingler 1962, S. 120)
Walter Gropius propagierte die Herstellung solcher Dinge, die Aussicht auf wirtschaftlichen Absatz hatten. Das waren vor allem Lampen. Während zuvor in Weimar in der Metallwerkstatt noch hauptsächlich "Servicezubehör wie Kannen, Zuckerdosen, Sahnekännchen, Saucieren, Teekugeln" gefertigt wurden, "gingen wir", schrieb Wolfgang Rössger, "in Dessau viel intensiver zur Herstellung von Beleuchtungskörpern über, wobei wir, als in Dessau das Bauhaus gebaut wurde, fast alle Leuchten in eigener Werkstatt fabrizierten". (Rössger 1991, S. 15) Es wurden weiterhin Gebrauchsgegenstände in der Metallwerkstatt entworfen und produziert, Arbeitsschwerpunkte aber waren der Entwurf und die Herstellung von Beleuchtungskörpern. Der größte Bedarf bestand zunächst im Bauhausgebäude selbst. Die Pendelleuchten und Zugleuchten von Marianne Brandt (gemeinsam mit Hans Przyrembel) wurden in vielen Werkstattgebäuden genutzt. Neben dem Bauhausgebäude widerspiegeln auch die Meisterhäuser in Dessau die Gemeinschaftsarbeit, an der auch Marianne Brandt besonders mit ihren Beleuchtungskörpern beteiligt war. Gerade die Schalen und Aschenbecher Marianne Brandts und einige ältere Modelle wie die Tischlampe von Jucker/Wagenfeld dürften sehr zahlreich in der Metallwerkstatt produziert worden sein.
"Durch Aussprachen an Ort und Stelle, kamen wir unserem Hauptanliegen, der Industriegestaltung näher, und das trieb Moholy-Nagy mit zäher Energie voran. Zwei Firmen der Beleuchtungsbranche zeigten sich unseren Zielen besonders aufgeschlossen; die Firma "Körting und Ma-thiesen" (Kandem), Leipzig - Leutzsch, förderte uns sehr durch eine praktische Einführung in die Gesetze der Lichttechnik und die Produktionsmethoden des Betriebes, was uns bei unseren Entwürfen, aber schließlich auch der Firma zugute kam."(Brandt 1985, S. 158) Neben Kandem gab auch die Firma "Osram" elektro- und lichttechnisches Grundlagenwissen den Mitarbeitern und Studenten der Metallwerkstatt weiter. Schon seit 1927 wurde unter der Leitung von Marianne Brandt der Kontakt mit den Betrieben intensiviert, "Vielleicht läßt sich die Arbeitsmethode in unserer Metallwerkstatt - ähnlich der in allen anderen Werkstätten - so auf den einfachsten Nenner bringen:
1. Kollektive Erarbeitung der Arbeitsgrundlagen, u. a. mit Hilfe theoretischen Materials, durch Erfahrungsaustausch in den Betrieben, Messebesuche u.s.w.
2. eigenschöpferische Entwurfsarbeit für den selbstgewählten Gegenstand unter Berücksichtigung aller notwendigen Gegebenheiten - Zweck, Funktion, Formschönheit, industrielle Fertigung,
3. die handwerkliche Herstellung dieses Gegenstandes durch treiben, biegen, löten, schleifen, polieren, usw.
4. die kollektive Prüfung und Beurteilung des geschaffenen Gegenstandes."(Rössger 1979, S. 15)
"Weit schwieriger als die elektrischen Leuchten waren unsere Tischgeräte und sonstigen Gebrauchsgegenstände bei der Industrie anzubringen, nicht sehr viele gelangten in die Produktion. So bekamen wir gewissermaßen den Stempel einer Abteilung für Beleuchtungskörper. Wir haben ganze Gebäude mit unseren industriell hergestellten Leuchten ausgestattet und nur selten für ausgefallenere oder repräsentative Räume Sonderanfertigungen entworfen und in unserer Werkstatt ausgeführt." (Brandt 1985, S. 158-159) Erst 1928 unter der Direktion von Hannes Meyer wurden Kooperationsverträge mit zwei Firmen der Lampenindustrie geschlossen. Mit ihren Entwürfen trug Marianne Brandt wesentlich dazu bei, daß die Arbeiten des Bauhauses immer bekannter und erfolgreicher wurden.

Mitten in dieser auch für Marianne Brandt sehr produktiven Zeit schob sich vom Juli 1926 bis April 1927 ein Parisaufenthalt ein. Sie fuhr - sicherlich um künstlerisch zu arbeiten - zu Erik Brandt, der sich schon in Paris aufhielt. Zur offiziellen Einweihung des Dessauer Bauhauses im Dezember 1926 kam sie nach einem kurzen Zwischenstop in Chemnitz extra angereist. Ein Jahr später verbrachte sie gemeinsam mit Erik Brandt einen Urlaub auf dem Lande in Frankreich. " Im Sommer wollte ich gern mit Erik sein während meines Urlaubs, aber nicht in Paris, aber schon gern in Frankreich. Damit nun die Sache möglichst nicht zu teuer wird, hatten wir gedacht, es könnte zwischen Paris u. Dessau vielleicht einen Ort geben wo man ev. billig im Dorfgasthaus wohnen könnte u. wo man viel draussen sein könnte u. wo Landschaft reizvoll genug wäre, um von Kunstmaler gemalt zu werden. ... Sehr ländlich wäre uns am liebsten, Sommerfrischen mit Kurgästen machen das Malen für E. unmöglich. Ich würde auch selbst wirtschaften, wenn es sein muss, ich mache das nicht ungern, wenn ich sonst nichts zu tun habe." (BHA 12730/1)
Frankreich gab wesentliche Impulse für ihr Schaffen. Zahlreiche Collagen aus Zeitungsartikeln, später auch unter Benutzung von Fotos, entstanden in diesem Zeitraum und danach, z. B. "Pariser Impressionen", "Es ist Geschmacksache" und "Unsere amerikanischen Schwestern". Mit diesen Collagen gelang Marianne Brandt nach ihren frühen expressionistischen Arbeiten ein letzter und wichtiger Höhepunkt in ihrem bildkünstlerischen Schaffen.
Hervorzuheben ist ihre gute Freundschaft mit Moholy-Nagy. Der größte Einfluß kam sicher durch diesen von ihr hochverehrten Lehrer. Vieles in den Collagen beider ähnelt sich. Er vermochte es, ihr entscheidende Impulse zu geben. Die gesamte Metallwerkstatt verehrte Moholy-Nagy. "Seine Persönlichkeit prägte die Arbeit in der Metallwerkstatt in hohem Maße. Wir alle verehrten ihn als vorbildlichen kommunistischen Pädagogen, der mit ebenso viel Bestimmtheit und Takt, die in unserem Kollektiv auftauchenden Probleme lösen half." (Rössger 1991, S. 15)

Mit dem Eintritt ins Bauhaus hatte Marianne Brandt offensichtlich die Beschäftigung mit der Malerei und Graphik abgebrochen. Sie verbrannte all ihre frühen Werke. Sie schienen den Ansprüchen des Bauhauses, der neuen Gestaltung nicht gewachsen, paßten nicht in eine Zeit neuer technischer und damit auch durchgreifend anderer gestalterischer Möglichkeiten. Am Bauhaus wurde der Umgang mit neuen Materialien propagiert. Die Vorkurse bei Klee, Kandinsky, Albers, der große Einfluß von Moholy-Nagy auf sie, vielleicht fehlendes Selbstvertrauen, aber vor allem die Gewißheit, daß für diese "konservative" und individuelle Art der künstlerischen Betätigung die Zeit vorbei sei, die Mittel veraltet seien, werden sie dazu veranlaßt haben. So ist ihr frühes Schaffen nur anhand weniger Amateurfotos zu belegen.
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Kollektivität - Individualität
Marianne Brandts Werk steht in enger Beziehung zum Bauhaus. Die immense Produktivität jener Jahre entstand vermutlich erst in enger Auseinandersetzung mit den Lehrern, Studenten, und Kollegen des Bauhauses. "Die Arbeit begann mit einem Werkstattgespräch, dessen Leitung immer Professor Moholy-Nagy hatte, und das fachlich unterstützt wurde von Christian Dell beziehungsweise seinen Nachfolgern. Diese Werkstattgespräche, an die ich mich heute noch mit Freude erinnere, hatten stets den Charakter kollektiver Beratungen. Gemeinsam trugen wir Kenntnisse zusammen über die Funktion des zu entwickelnden Gegenstandes. Handelte es sich beispielsweise um die Fertigung eines Tee- und Kaffeeservices, dann unterrichteten wir uns eingehend über die in der ganzen Welt gebräuchlichen verschiedenen Arten, Tee bzw. Kaffee zuzubereiten. ... Wir unterrichteten uns also ausführlich über das Gebiet der Lichttechnik, bevor wir uns mit der Herstellung von Raumleuchten befaßten. Nach solcher gründlicher Vorbereitung konnte jeder Schüler im Rahmen der notwendigen Arbeiten auswählen, was er zu entwerfen und herzustellen wünschte. Wenn seine Wahl dann beispielsweise auf ein Tee- und Kaffeeservice gefallen war, dann mußte er sich gefallen lassen, daß das Produkt seiner Bemühungen beim gesamten Kollektiv kritisch geprüft wurde." (Rössger 1991, S. 15)
Vom Bauhaus wurde, um eine umfassende Synthese und komplexe Umweltgestaltung zu erreichen, eine schöpferische Werkgemeinschaft angestrebt. Das kollektive schöpferische Arbeiten spielte eine wesentliche Rolle. Marianne Brandt gehörte wohl zu denen, die erst in kollektiver Reibung, in der ideenreichen und produktiven Atmosphäre eines Kollektivs all ihre Fähigkeiten entfalten können. Marianne Brandt erbrachte durch die kollektiven Produktionsstrukturen am Bauhaus Höchstleistungen, erhielt Anregungen durch die Arbeit in der Gemeinschaft, war diese doch immer Resultat gemeinsamer Überlegungen. Auch Moholy-Nagy vermißte in den späteren Jahren die schöpferische Kraft eines guten Kollektives. Sobald "die koordinierende Wirkung des Bauhauses aufgehört hatte", entstanden bei ihm kaum "bedeutende Schöpfungen" (Passuth 1987, S. 78). "Er gehörte weder einer Gruppe, noch einer bestimmten Stilrichtung, noch einer Schule an. Am meisten fehlte ihm offenbar die künstlerische Gemeinschaft. Freunde hat er überall. ... Diese Verbindungen können aber weder mit dem ehemaligen Berliner Avantgarde-Kreis noch mit der Werkstatt des Bauhauses verglichen werden. Moholy-Nagy hätte einer Gemeinschaft bedurft.... Moholy-Nagy war vielleicht mehr als jeder seiner Gefährten ein Kollektivmensch." (Passuth 1987, S. 78-79) Wie Marianne Brandt wandte auch er sich, als seine Träume nicht realisierbar waren, wieder der Malerei zu.

"Heutzutage wird der Begriff 'revolutionär' vielleicht ein wenig zu leichtfertig ... gebraucht" meinte T. Lux Feininger in dem Buch "Bauhaus und Bauhäusler, "Die Idee des Bauhauses war aber tatsächlich revolutionär; nicht weil - wie viele denken - die am Bauhaus entworfenen Stühle, Gefäße und Lampen usw. anders aussahen als andere Lampen, Gefäße und Stühle, sondern weil das Bauhaus einen anderen pädagogischen Ansatz hatte." (Neumann 1985, S. 258) "Alle Lehrer gingen von der Idee aus, daß die Studenten Selbstdisziplin zu üben hatten, und sie verzichteten darauf, Aufgaben unter Zwang ausführen zu lassen. Es wurden Ideen ausgeworfen, und wenn sich ein Student entschloß, an einer dieser Ideen weiterzuarbeiten, war es gut; wenn er nicht wollte, wurde nicht darauf bestanden. Es wurden keine 'Grade' verliehen, es gab weder Prüfungen noch Zensuren." (Neumann 1985, S. 264)
Im Zentrum stand die gemeinsame Arbeit von Lehrenden und Studierenden in den Werkstätten und an Bauvorhaben. Es war eine "Gemeinschaft von Studierenden, Meistern und Gästen, wie eine solche seither kaum zustande gekommen ist. Rückblickend und auf Grund seitheriger Erfahrung, bin ich noch immer davon überzeugt, daß das Bauhaus als Bildungsmodell nach wie vor aktuell ist für die Förderung von kreativen Talenten". (Bill 1979, S. 66) In den Werkstätten arbeiteten Studenten unterschiedlicher Studienjahre zusammen, so daß unter den Studierenden Erfahrungen direkt weitergegeben werden konnten. Einen Hinweis auf die intensive Beachtung des kollektiven Status geben die zahlreichen Reproduktionen von Werken in der Zeitschrift "bauhaus" ohne Nennung der Autorenschaft, u. a. auch von Marianne Brandt. Bei der Produktentwicklung, beim Vorstoßen in gestalterisches Neuland trat zunehmend kollektive Arbeit neben den individuellen Entwurf. Viele Lampen der Metallwerkstatt sind auf diese Weise gemeinsam entstanden.

"1927 - ihr Spezialgebiet war seit längerer Zeit die Umgestaltung und Neuentwicklung von Zweckleuchten - entwarf sie zusammen mit Hin Bredendieck die in Großserien bei Körting & Mathiesen sowie Schwintzer & Gräff hergestellten Kandem-Nachttisch- bzw. Kandem-Schreib-tischlampen. Es war eine echte Kollektiventwicklung beider, doch verlangte Marianne Brandts Weggang vom Bauhaus, 1929, auch eine Teilung der gemeinsamen Entwicklungen. Im gegenseitigen Einvernehmen beschlossen damals Marianne Brandt wie Hin Bredendieck aus honorar- und urheberrechtlichen Gründen zu teilen: Marianne Brandt steht seither als Konstrukteur der 'Kandem-Nachttischleuchte' in der Fachliteratur fest, während als Vater der 'Kandem-Schreibtischleuchte' Hin Bredendieck genannt werden sollte. ... Auf diese einfache Art und Weise klärten damals beide, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, das heikle Problem der gemeinsamen Urheberschaft ". (bauhaus 2, S. 8)
"Die Gropius'sche Vision vom Gesamtkunstwerk hat, glaube ich, die alleinige, aber volle Erfüllung im pädagogischen Prinzip des Bauhauses gefunden. ... Eine ganz besondere Bedeutung muß man wohl der Tatsache zuschreiben, daß sich die Lehrkräfte nicht professorenhaft schützend und beengend vor fertiges Wissen stellten. Die sich im Fluß befindlichen offenen Gedanken, ihre dialektische Gegensätzlichkeit, waren wichtige, vielleicht die entscheidenden Anreize zur Erarbeitung eigener Stellungnahmen der Studierenden, bildeten die Voraussetzung dafür, eigenes Denkvermögen entwickeln zu können." (Foltyn 1979, S. 82)
Als erzieherisch ebenso bedeutsam wie die gemeinsame Arbeit der Lehrenden und Lernenden in den Werkstätten erwies sich die gemeinsame Gestaltung der Freizeit bei wissenschaftlichen und künstlerischen Veranstaltungen mit Festen, Tanz und sportlicher Betätigung. Dadurch entstanden zahlreiche persönliche Kontakte und Freundschaften, die das schöpferische Klima am Bauhaus förderten und ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugten, das sich über Jahrzehnte hinaus bewährte. Noch lange später stand Marianne Brandt mit vielen Bauhäuslern in Briefkontakt und war mit einigen enger befreundet. Davon zeugt eine Karte von Trudl Arndt an Marianne Brandt vom 20.10.1978 aus Paris "Hier in Paris wurde das "Triadische" aufgeführt mit großem Erfolg. Ich dachte an unser Treffen 1926 mit Dir, Brandt, Gunta, Marli und mir." (BHA 11784/1) Vom metallischen Fest 1929 existieren viele Fotos von Marianne Brandt, u. a. Selbstporträts im Kostüm. Ein guter Freund, Hin Bredendieck, erinnerte sich: "Liebe Marianne, es muß jetzt gerade 50 Jahre her sein, als wir 1928 Deinen Geburtstag feierten. Es war in deinem Atelier. Moholy war da und Gerda Marx und Zimmermann. Auch habe ich noch ein Foto von dieser Feier." (BHA 11773/5)

Zu den neuen Dingen, die die Bauhäusler entdeckten, gehörte das Medium Fotografie. Besonders Moholy-Nagy förderte am Bauhaus die Auseinandersetzung mit Typographie und Fotografie als Medium künstlerischer und werblicher Aussagen, fotografische Experimente waren von ihm angeregt worden. Aber erst Walter Peterhans war derjenige, der die Fotoklasse 1929 aufbaute . So stand parallel zur intensiven Entwurfsarbeit für Lampen die Arbeit mit der Fotografie, oft auch in Collagen verarbeitet. Marianne Brandt begann mit Begeisterung zu fotografieren, begann Fotos neu zu montieren, mit fotografischen Techniken zu experimentieren. Die Fotomontage konnte die großstädtische Dynamik treffender umsetzen, indem sie die Einzelbilder multiziplierte und in neue verblüffende Relationen stellte. Vor allem entsprach dieses Mittel wie auch die Collage eher den neuen technischen Entwicklungen. Für diese Zeit stehen zum Beispiel der Entwurf für ein Plakat "Palucca tanzt", die Collage "L`homme qui porte la Mort" oder ihr Selbstbildnis in Form eines Fotogramms.

Ab dem Sommersemester 1927, in dem sie die Versuchsarbeit in der Metallwerkstatt intensiv weiterführte, wurde Marianne Brandt nach insgesamt nur sechs Semestern als "sogen. Mitarbeiterin der metallwerkstatt" (BHA 10015/1-5) beschäftigt. Noch in Weimar hatten die Werkstätten den Charakter von Lehrwerkstätten, und die Studierenden mußten einen Lehrvertrag mit der örtlichen Handwerkskammer abschließen, so auch Marianne Brandt. Ihr Lehrvertrag im Silberschmiede-Handwerk mit der Handwerkskammer Dessau vom 19.9.1925 besagt, daß die Lehre am 1.4.1924 begann und am 31.3.1927 endete, also 3 Jahre dauerte, wobei die ersten 13 Wochen (d.h. bis 1.7.1924) als Probezeit galten. (laut BHA 707871) Eine Gesellenprüfung legte sie nicht ab, weil, so sagte sie, man Angst hatte, die erste Frau, die am Bauhaus ihre Lehre beendete, könnte die Prüfung nicht bestehen. Nachdem das Bauhaus 1926 den Status einer "Hochschule für Gestaltung" erhalten hatte erhielt auch Marianne Brandt nach erfolgreichem Abschluß der Ausbildung ein Bauhaus-Diplom.
Sie leitete jetzt "spezialversuche auf lichttechnischem gebiet, beteiligt sich mit erfolg an den Verhandlungen zur Herbeiführung zweckdienlicher verbindungen mit der beleuchtungsindustrie; besorgt u. a. einkauf und materialbeschaffung". (BHA 10015/1-5) Roman Clemens, Bauhäusler ab 1927, schlich sich manchmal in die Metallwerkstatt und erinnerte sich in einem späteren Brief: "Dort droben im Metall fanden wir Dich, die damals schon bekannte, von der man sprach, hat schon Lampen gemacht, wir waren beeindruckt. Und was für Lampen? Ich habe die Tischlampe heute noch auf dem Zeichentisch, jetzt leuchtet sie mir beim Schreiben, und diese Lampe hat mich ein Leben lang begleitet als Leuchte ... Marianne Brandt, Du bist einer der Wegbereiter des Bauhauses in Dessau. Nach Moholy folgt Marianne Brandt und wir alle, jene, die damals in Dessau, gleich zu Beginn dabeisein durften, wir alle grüßen Dich, ... Immer noch sehen wir Dich mit dem selbstgedruckten glänzenden Metallhut zum metallischen Fest in jugendlicher Heiterkeit. ... Einer, der damals klein bei Oskar Schlemmer in der bauhaus-bühne begann und eine Metallmaske in der Metallwerkstatt gemacht hat." (BHA 11773/7)

Als am 1.4.1928 Walter Gropius sein Amt niederlegte, löste das Betroffenheit aus. Ein Bauhaus ohne Gropius schien nicht vorstellbar. Hannes Meyer wurde die Direktion übertragen. Zum Abschluß wurde Marianne Brandt ein "Befähigungszeugnis" ausgestellt. "als spezialarbeitsgebiet hat sie am bauhaus die Silberschmiedewerkstatt gewählt, wo sie während ihrer ausbildungszeit an den aufgaben der werkstatt mit ausserordentlicher begabung und grossem Fleiß teilnahm. sie war später mitglied der versuchsabteilung der metallwerkstatt. ihr sicheres gefühl für organische zusammenhänge der gestaltung, ihre erfindungsgabe, ihre kenntnisse der wirtschaftlichkeit haben sie bei allen gestellten und selbstgewählten aufgaben der geräteherstellung sowie Beleuchtungskörpern zu ausgezeichneten, selbstverständlichen lösungen geführt. ihre ausgeführten arbeiten und entwürfe können zu den besten bauhausarbeiten gerechnet werden; die meisten von der industrie zur serienmäßigen herstellung übernommenen modelle der metallwerkstatt stammen von ihr. frau brandt ist bestimmt in der lage, ihr anvertraute aufgaben vollkommen im sinne der bauhausarbeit zu lösen, und wir glauben, dass sie in ihrer zukünftigen arbeit weiter zu hervorragenden leistungen kommen wird." (Befähigungszeugnis 1928, S. 75).
Marianne Brandt entsann sich: "Eine lange handwerkliche Ausbildungszeit war mir nicht vergönnt. Es hieß sehr bald: entwerfen, ausführen, helfen, sich umtun und zuletzt, auf dringende Zureden von Gropius und Moholy, als sie gleichzeitig das Bauhaus verließen und auch ich aufgeben wollte, die Leitung der Werkstatt auf ein Jahr provisorisch übernehmen." (Brandt 1985, S. 159).
So organisiert Marianne Brandt in ihrem 8. Semester am Bauhaus (Herbst-Winter 1928) "als mitarbeiter der metall-werkstatt die zusammenarbeit mit den firmen: körting & mathiesen, Leipzig, und schwintzer & gräff, berlin, zwecks industrieller herstellung der Bauhauslampenmodelle". (BHA 10015/1-5) Und in ihrem "bauhauszeugnis" heißt es über das 9. und 10. Semester 1928-1929: "frau brandt wird die stellvertretende leitung der metall-werkstatt übertragen. Durchführung der beleuchtungstechnischen ausstattung von wohnungen, büros, öffentlichen Gebäuden; bearbeitung von ausstellungen, kontrolle ausgehender modelle; teilnahme an den betriebswissenschaftlichen lehrkursen von herrn dr. hanns riedel, dresden-leipzig; beschäftigung mit Fotografie". (BHA 10015/1-5)
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Erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Beleuchtungsindustrie
Die von Gropius verfochtene Konzentration auf Beleuchtungskörper brachte erst unter Hannes Meyer sichtliche Erfolge. Davon zeugen Kooperationsverträge mit der Firma Schwintzer & Gräff und Körting & Mathiesen, an denen Marianne Brandt den größten Anteil hatte. Ihr gelang es, von Gropius geforderte variierbare Standardtypen zu entwickeln. Die Firma "Körting & Mathiesen" in Berlin übernahm "53 bauhausmodelle für beleuchtungskörper zur Vervielfältigung und zum vertrieb" (bauhaus 2/3 1928, S. 33). "arbeiten von mir wurden schon während meiner bauhauszeit von der industrie übernommen und auch noch jetzt weiter fabriziert, zuerst v. d. fa. schwintzer u. gräff, die aber die sachen z. teil nicht völlig in unserem sinne herstellte, später und viel fruchtbarer von d. fa. körting u. mathiesen, leipzig-leutzsch, die völlig neue Beleuchtungskörper sowie bearbeitungen vorhandener in fortlaufender zusammenarbeit mit der metallwerkstatt erhielt." (BHA 10797/1-6)

Die Firma Schwintzer & Gräff übernahm eine Reihe bereits vorhandener Leuchten als "Bauhausmodelle" direkt in die Serienfertigung, hauptsächlich die für das Bauhausgebäude entwickelten verschiedenen Deckenleuchten. Ein Katalog der Berliner Lampenfirma Schwintzer & Gräff, die von 1928 bis 1930 mit dem Bauhaus kooperierte, führte bereits 22 verschiedene Deckenleuchten als "Bauhausmodelle" auf, wobei die jeweiligen Größenvarianten noch nicht berücksichtigt waren. Marianne Brandt war bei dieser Firma zum Beispiel mit ihrer Deckenleuchte von 1926 und ihrer Leuchte mit seitlich beweglichem Soffitenarm vertreten. Dieser Vertrag wurde aus qualitativen Gründen aber schon 1930 wieder gekündigt.

Eine kurze Notiz in einer "bauhaus"-Zeitschrift von 1928 lautete, "die körting & mathiesen a.g. (kandem) für bogenlampen, glühlampen, armaturen und elektrische zähler, leipzig, hat mit dem bauhaus vereinbarungen über eine zusammenarbeit getroffen; die metallwerkstätte des bauhau-ses übernimmt es, die kandem a.g. bei der gestaltung ihrer beleuchtungskörper zu beraten". (bauhaus 1928, Nr. 2/3, S. 33) Die intensive Beschäftigung mit den Problemen der Lichttechnik und den Herstellungsmethoden des Großbetriebes wurde bei der Nachttisch- und Schreib-tisch-lampe praktisch umgesetzt. Sie wurden für den Hersteller zu einem dauerhaften kommerziellen Erfolg und zugleich zu einem überzeugenden Beispiel für die Zusammenarbeit des Bau-hauses mit der Industrie. Dieser Vertrag mit der Lampenfabrik "Körting & Mathiesen", etwa zur gleichen Zeit abgeschlossen wie der mit "Schwintzer & Gräff", hatte für die Metallwerkstatt weitaus größere Bedeutung. Eine Broschüre des Bauhauses von 1931 besagt, daß seit dem Beginn der Zusammenarbeit mit der Firma 50 000 Beleuchtungskörper "nach den Entwürfen des Bauhauses" (Bauhaus Dessau 1931) verkauft wurden. Die Firmen hatten Nutzen durch die zukunftsweisenden Modelle, die wirtschaftlich sehr erfolgreich waren, und das Bauhaus profitierte, weil es Einblick in die produktionstechnischen Grundlagen bekam.

Hannes Meyer begann schon im Wintersemester 1928 mit der Veränderung des Bauhauses, Ziele waren "möglichste Wirtschaftlichkeit", "Selbstverwaltung" und "produktive Pädagogik". (zitiert nach: Droste 1990, S. 174) In allen Werkstätten arbeiteten von nun an einige bezahlte "Mitarbeiter" aus dem Kreis der Studierenden. In der Metallwerkstatt waren dies in den Jahren 1928-1930 Marianne Brandt, Hin Bredendieck und Hermann Gautel. Außerdem wurden die Werkstätten stärker am Umsatz ihrer Erzeugnisse beteiligt. Der jeweilige Entwerfer bezog Um-satzprovisionen und Lizenzanteile. "Von den Lizenzen, die wir für unsere Modelle bekamen, erhielt, wenn ich mich recht erinnere, das Bauhaus die Hälfte, das andere wurde zwischen Meister, Entwerfer und Werkstatt aufgeteilt. Auch für unsere sonntäglichen Fremdenführungen durch das Haus bekamen wir einen Teil der Einnahmen. So war ich meist bei Kasse, aber zu meinem Kummer leider auch gelegentlich beneidet, was nicht ausschloß, daß man am Ende des Monats fleißig kleine Anleihen machte bei M. B." ( Brandt 1985, S. 159)

Später reduzierte Hannes Meyer die zunächst sehr große Zahl der industriell hergestellten Lampentypen des Bauhauses. Die meisten der von der Industrie übernommenen Modelle wurden nur in sehr kleinen Serien hergestellt. Von den "53 Modellen elektrischer Lampen" bei Körting & Mathiesen, "die in Serien von höchstens 12 oder 15 Stück hergestellt wurden", verkaufte Hannes Meyer bis auf wenige Ausnahmen alle und "ersetzte sie durch zwei neue Modelle, von denen er 12000 Stück absetzte". (Meyer 1930a) Im Grunde trifft diese Darstellung zu, aber nach der Reduzierung wurden immerhin noch 25 Modelle bei Kandem produziert, darunter die Nachttisch - und Schreibtischlampe, die beiden Haushalt-Deckenleuchten, die Doppelzylinderleuchte und einige Kugel- und Pendelleuchten. Die meisten der verbliebenen Modelle wurden von nun an in einer sehr hohen Stückzahl produziert, so daß man eigentlich erst ab diesem Zeitpunkt von einer der modernen Industrie entsprechenden Serienproduktion sprechen kann.

Als am 1. Juli 1929 die Tischlerei-, Wandmalerei- und die Metallwerkstatt, initiiert durch Meyer, zu einer Ausbauwerkstatt zusammengefaßt wurden, verließ Marianne Brandt das Bauhaus. (Bestätigung 1929) Nach ihrem Weggang entstanden keine beachtenswerten Neuentwicklungen mehr. Unter Leitung von Alfred Arndt sollte eine engere Bindung an Aufgaben der Architektur und Innenarchitektur erreicht werden. Durch die verstärkte Gestaltung von Möbeln, durch die Verwendung von Stahlrohr und anderen neuen Materialien hatten sich beide Werkstätten angenähert. Bereits früher wurden Metallmöbel hergestellt, wie die beiden nicht mehr nachweisbaren Modelle für Hocker und Garderoben von Marianne Brandt zeigen. Der Entwurf und die Produktion von Lampen und Gebrauchsgegenstände wurde stark auf jene reduziert, die der neuen Aufgabe eher entsprachen. Hannes Meyer beabsichtigte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er begründete das später. Die "einzelne Werkstatt geriet in Gefahr, einem beliebigen Produktionsbetrieb ihrer Branche zu gleichen. Es mußte unter den Angeboten dasjenige zur Auswahl bevorzugt werden, das in seiner Aufgabenstellung die meiste Allgemeingültigkeit verhieß, am meisten zur Weiterbildung der herkömmlichen Typen Lampe, eines Arbeits-stuhles, eines Möbelstoffes usw. beitrug". (Meyer 1940)
"Die Lehrmethode von Hannes Meyer war durch rationale Gesetzmäßigkeiten des schöpferischen architektonischen Arbeitsprozesses bestimmt, von Gesetzmäßigkeiten, die aus der sozialen Funktion, aus der Revolutionierung der Produktivkräfte und aus der wissenschaftlichen Entwicklung resultierten ... Anstatt des Leitsatzes 'Kunst und Technik eine neue Einheit' und der Vision vom Gesamtkunstwerk entwickelte Hannes Meyer eine Lehre von der Architektur." (Foltyn 1979, S. 83)
Hannes Meyer kritisierte den sogenannten "bauhausstil" in der Metallwerkstatt, wo, so Meyer, "aus jedem teeglas ein problematisch konstruktivistelndes gebilde gemacht wurde". (Meyer 1930b) Die Diskussion wurde öffentlich geführt. In der Zeitschrift "bauhaus" warf Naum Gabo den Lampengestaltern der Metallwerkstatt einen "bauhausstil" vor. " Eine Lampe im Jugendstil unterscheide sich", so meinte Gabo, "nicht grundsätzlich von einer Lampe im "bauhausstil", dagegen sei die von einem Ingenieur entwickelte elektrische Glühbirne etwas grundsätzlich anderes als eine Öl- oder Gaslampe." (Gabo 1928, S. 2)
Marianne Brandt reagierte und verteidigte die Metallwerkstatt in einem Brief an Ernst Kállai, "der verfasser kennt uns wenig, wenn er glaubt, daß wir einen stil machen wollen, und daß die kugelleuchte z. b. rein aus freude an den formen kugel und zylinder entstanden sei. ... im allgemeinen müssen wir uns heute begnügen mit einer summe aus erfahrung hervorgegangener Überlegungen, mit darauf folgenden versuchen, zeichnungen, mit deren kontrolle durch Nachprüfung und berechnung. ein gutes teil gefühlsmäßigen vorgehens und eignen gleichgewichtes ist also zunächst immer noch unentbehrlich. ... die elektrische glühlampe haben wir zwar nicht erfunden, haben uns jedoch bemüht, eine ihrem wesen entsprechende, sachgemäße anwendung zu finden und sie z. b. auch aus den ohne rücksicht auf zweckmäßigkeit übernommenen formen des Kerzenkronenleuchters und der petroleum- und gasleuchten zu befreien. wir denken dabei u. a. tatsächlich auch an wirtschaftlichkeit, eben nicht nur 'als ob'." (Brandt 1929, S. 21) Diese Diskussion, ob Kunst oder Technik, bereits erwähnt im Konflikt von 1922/23 zwischen van Doesburg und Gropius, der eine Einheit beider erstrebte, wurde, unterstützt durch Hannes Meyer, wieder stärker. Gabos radikal-funktionalistische Forderung nach der nackten Glühbirne - die tatsächlich auch bei einer Lampe von Marianne Brandt vorkommt (Vgl. Deckenpendel-leuchte mit unverkleideter Glühbirne me 29) - dürfte am Bauhaus wenig Anklang gefunden haben. Hier ist eine ganz bedeutende Änderung zu erkennen. In den Weimarer Jahren schien das Spiel mit den Elementarformen Kreis, Dreieck und Viereck manchmal durchaus im Vordergrund zu stehen, obwohl Funktion und Serientauglichkeit durchaus schon bedacht wurden. 1924 war die Form, z. B. die Kugel, "das exzentrisch angeordnete Oval" (Brandt 1979a, S. 69 ) ein sehr wichtiger Faktor, der die Gestaltung maßgeblich beeinflußte. In der Dessauer Phase standen nicht mehr die gestalterische und konstruktive Bewältigung der Elementarformen und ihrer Gegensätze, sondern die gebrauchstüchtige und serienmäßig reproduzierbare Form und die Proportionierung der Geräte auf der Grundlage von Typisierung und Standardisierung im Vordergrund.
Nach der Änderung der Werkstattstruktur im Juli 1929 verließ Marianne Brandt demzufolge das Bau-haus. Gründe könnten die Zusammenlegung der Werkstätten gewesen sein, aber auch, daß ihre besten und liebsten Kollegen wie Moholy-Nagy ein Jahr zuvor das Bauhaus verlassen hatten. Moholy-Nagy hatte vor seinem Rücktritt die Ziele von Hannes Meyer stark kritisiert. "Wir sind in unmittelbarer Gefahr, genau das zu werden, was wir als Revolutionäre bekämpften: eine berufliche Ausbildungsschule, die nur das Endprodukt bewertet und die Gesamtentwick-lung des Menschen ignoriert. ... Ich kann es mir weder schöpferisch noch menschlich leisten, auf dieser spezialisierten, rein objektiven und nutzbaren Basis weiterzumachen. Ich habe mich in fünf Jahren für eine Spezialität: die Metallwerkstatt trainiert; aber ich konnte das nur schaffen, weil ich dabei meine gesamten menschlichen Reserven einsetzte. Ich muß zurücktreten, wenn dieses Spezialistentum sich verstärkt. Der Geist der Konstruktion ist durch die Tendenz der Anwendung ersetzt worden." (Moholy-Nagy 1928) Diese Argumentation ihres hochverehrten Freundes, der sie sich womöglich anschloß, könnte ein Grund für ihr Fortgehen sein. Ein Hinweis darauf, daß Marianne Brandt in Dessau aufhören wollte, gibt folgender Auszug aus einem Brief von Marthe Bernson vom März 1929. "Dass Du in Dessau unter den jetzigen Umständen nicht gut atmest verstehe ich vollkommen. Hoffentlich gibt es für Dich bald eine Änderung; Du wirst bei Deiner Begabung doch sicherlich leichter etwas finden als andere in B." (Bernson ca. 1929) Möglich ist ebenfalls, daß Hannes Meyer und Marianne Brandt sich nicht sehr gut verstanden.
Hannes Meyer führte u. a. das Diplom ein, das Marianne Brandt ausgestellt wurde, datiert vom 10. September 1929. Darin hieß es: "mit der ihr eigenen gründlichkeit und energie führt sie ihre arbeit durch. ihre kombinationsfähigkeit, ihr sicheres gefühl für organische zusammenhänge, verbunden mit gesundem sinn für das praktische, bringen sie immer wieder zu brauchbaren Resultaten. sie ist in der lage, auch schwierige künstlerische, geschäftsmäßige oder handwerkliche Aufgaben gewissenhaft und umsichtig, den beruflichen erfordernissen entsprechend, selbständig durchzuführen." (BHA 10015/1-5)
Marianne Brandt berichtete: "Obgleich mir das verlockende Angebot gemacht wurde, die Arbeit bei Kandem fortzuführen und mich gleichzeitig bei Peterhans gründlich im Fotografischen auszubilden, mußte ich doch schließlich endgültig Abschied nehmen, so schmerzlich es auch war. Doch hatte ich bald darauf die Freude, im Bauatelier von Gropius in Berlin mitzutun. Auch das war eine - wenn auch allzu kurze - glückliche Zeit!" (Brandt 1985, S. 159-160).

An die Bauhausära, Weimar wie Dessau, dachte Marianne Brandt Zeit ihres Lebens gern zurück. Es war für sie eine schöne Zeit. Sie schrieb in dem schon oft zitierten "Brief an die junge Generation": "Wie schön wohnten wir in den Ateliers, und wie vergnüglich ging gelegentlich die Unterhaltung von einem Balkönchen zum anderen! ... In Weimar hörte ich Klee auf seiner Violine spielen, leider nur einmal! Kurt Schwitters in Weimar und in Dessau: 'Was trägst du dein Härchen wie einen Hut?' Die 'Sinfonie in Urlauten' oder 'Sie war schon immer ein gescheiteltes Mädchen gewesen' usw. Wer weiß es noch? Die Palucca begeisterte uns, wenn sie ihre neuesten Tänze brachte, und Béla Bartók!" (Brandt 1985, S, 161). Das Bauhaus war für sie die schönste und zugleich schöpferischste Zeit.
Bauatelier Gropius 1929
Aber auch ihre nicht lang andauernde Tätigkeit im Bauatelier Gropius in Berlin war sicher erfolgreich, obwohl dazu keine Äußerungen von ihr bekannt sind. Bis Dezember 1929 war sie in Berlin beschäftigt, wo auch Moholy-Nagy tätig war. Leider ist Marianne Brandts kurze Tätigkeit am Bauatelier Gropius nicht dokumentiert. Sie entwarf "Möbel und Inneneinrichtungen für Siedlungen" (BHA 707873), besonders für die Firma Thonet. Wichtiger war ihre Beteiligung an den Entwürfen für die Inneneinrichtungen der Dammerstock-Siedlung. In den von Walter Gropius entworfenen Häusern, waren u. a. einige Lampen von Marianne Brandt, hergestellt in den Firmen Körting & Mathiesen aus Leipzig und Schwintzer & Gräff in Berlin, ausgestellt. Namentlich ist sie jedoch nirgends in den Publikationen erwähnt. In diesem Jahr 1929 bearbeitete das Atelier auch ein Projekt Montagehaus von Adolf Sommerfeld, für das es 44 Zeichnungen anfertigte.
Der Bürgermeister von Karlsruhe umriß das "wohnungspolitische ziel der Dammerstock-Siedlung", die eine besondere Bedeutung hat , "weil die wohnung als problem bis noch vor kurzer zeit durch die deutschen baukünstler vernachlässigt, heute aber gerade von den besten unter ihnen als die große aufgabe der zeit aufgenommen worden ist. erst heute sind die dazu berufenen am werk, das problem 'wohnung' zu lösen und insbesondere der 'gebrauchswohnung', d.i. der wohnungskulturell zureichenden, für die deutsche familie aber noch erschwinglichen Wohnung, ihre ganze kraft zu widmen. ... dabei sind werkstoffe, baumethoden, konstruktionen und formen niemals selbstzweck, sondern immer nur mittel zum zweck. das einzige ziel ist die möglichst vollkommene und leistungsfähige wohnung mit möglichst geringem aufwand." (Dammerstock-Siedlung 1929, S. 7)
In der Rede "bebauungsplan und wohnformen der dammerstock-siedlung" formulierte er folgende Ziele: "das endziel der siedlung ist also die schaffung von gesunden praktischen ge-brauchswohnungen, die dem sozialen standard der durchschnittsfamilie von heute entsprechen und trotz solider technischer durchführung und anmutiger gestaltung für das Durchschnittseinkommen erschwinglich sind. dieses ziel ist nur durch rationalisierung im umfassenden sinne zu erreichen. ... sie hat zu einer veränderten lebenseinstellung geführt, die neue schöpferische kräfte auslöst. das tiefgreifende dieser idee liegt darin, daß sie zum ziele hat, das wirtschaftliche handeln des einzelnen menschen in nutzbringenden zusammenhang mit dem wohl der Gesamtheit zu bringen über den begriff der wirtschaftlichen rentabilität für die einzelne person oder das einzel-unternehmen hinaus." (Dammerstock-Siedlung 1929, S. 9)
Nach der Beendigung der Tätigkeit von Marianne Brandt in diesem Bauatelier stellte Walter Gropius ihr ein Zeugnis aus, was seine Wertschätzung ihrer Person gegenüber unterstrich. "frau brandt ist eine selbständige durchgebildete kraft mit starker erfindungsgabe und mit vorzüglichen technischen kenntnissen. mit diesen fähigkeiten und mit ihren hervorragenden persönlichen eigenschaften, unter denen ganz besonders ihre Gewissenhaftigkeit hervorgehoben werden muß, ist sie in der lage, sehr hohen ansprüchen zu genügen und eine selbständige stellung zu bekleiden" (BHA 7078/3)
Es ist nicht bekannt, ob Marianne Brandt aus eigenem Wunsch die Arbeit im Bauatelier aufgab, was eher unwahrscheinlich ist oder ob andere Gründe diesen Wechsel verursachten. Hajo Rose erwähnte in einem biographischen Abriß über Marianne Brandt (BHA 11831) wirtschaftliche Schwierigkeiten des Bauateliers. Möglich ist auch, daß die Arbeit in Berlin nicht ganz ihrem eigentlichen Gebiet der Metallgestaltung entsprach, vielleicht war es auch nur als Übergangslö-sung konzipiert.