Werke Bauhaus Weimar 1923 - 1925

Aus dem Vorkurs von László Moholy-Nagy existiert das Foto einer Gleichgewichtsstudie von Marianne Brandt, eine dreidimensionale Studie, mit der die Raum-erfahrung geschult und konstruktive Lösungswege erkundet werden sollten. Bei sparsamster Materialverwendung konstruierte sie ein Gebilde aus Holz, Blech und Draht, daß optisch und real ausbalanciert sein sollte, eine Aufgabe konstruktivistischen Gedankenguts. Im Vorkurs von Kandinsky experimentierte Marianne Brandt u. a. anhand von Klebecollagen mit den Verhältnissen und Beziehungen der Elementarformen und Farben zueinander. Die Papierollage "Et´ des sur le coleurs et formes élé-mentaires" beschrieb sie "Kreis als Grundfläche (konzentrisch) als Spannung. Dreieck mit der Spitze die Mitte des Kreises berührend, um eher mitzuschwingen als die konz(entrische) Spannung u(nd) durchbrechen. Obere Horizontale des Quadrates zielt auch zur Mitte. Nicht auf die Spitze gestellt, da sonst fast keine Hemmung d. Konz. (?) entsteht". (Kandinsky 1984)

"Jede Kleinigkeit die das Bauhaus bis jetzt in Angriff genommen hat ... sind Dinge, die an Formreinheit, Formschönheit, Materialwirkung, spezifischem Materialcharakter und Zweckfom in der heutigen industriellen Produktion nicht ihresgleichen besitzen. Außerdem sind ihre Teile so konstruiert, daß sie als Typenformen bei den verschiedensten Geräten (z. B. als Griffe, Henkel, Handhaben) wiederkehren und mannigfach verwendet werden können." (Fuchs 1926, S. 223)
Marianne Brandt hat mit ihrer Formgestaltung Standards geschaffen, die vielfach in Publikationen über das Bauhaus reproduziert wurden und werden. Der sog. "bauhausstil" wird schnell mit den Services und Lampen von ihr in Verbindung gebracht.

"31 Geräte" und "28 Lampen" von Marianne Brandt waren "für die industrie brauchbare Resultate" (BHA 10015/1-5), d.h. wurden in Serie produziert. Arbeiten, die gemeinsam mit Hans Przyrembel, Hin Bredendieck und Helmut Schulze entstanden sind, fehlen in der Auflistung; außerdem noch einige ihrer frühen Entwürfe. Marianne Brandt hat erstaunlich viel gearbeitet, bedenkt man auch noch jene Werke, die nicht in Serie gingen. Diese Zahlen weisen aber zugleich auf die große Menge ihrer uns heute unbekannten Entwürfe hin.
1924
Die Umhüllung eines kleinen Tintenfasses (BHA 908) ist eine der ersten Gebrauchsarbei-ten Marianne Brandts am Weimarer Bauhaus, abseits ihrer Bauhausaufgaben für sich selbst zur privaten Nutzung geschaffen. Ein Kubus mit kreisrunder Öffnung, eine rechteckige Standplatte und eine langgestreckte gemuldete Schale sind zu einer räumlichen Komposition zusammengefügt. In dieser frühen Zeit ihrer Ausbildung am Bauhaus wird eine Verwandtschaft zu den konstruktivistischen Arbeiten von Moholy-Nagy und zu einer unter seiner Leitung im Vorkurs ausgeführten Gleichgewichtsstudie, besonders durch die Zusammenstellung der Flächen, Ele-mentarformen und Materialien, deutlich. Formal blieb sie "ganz vom Vokabular der stereome-trischen Grundformen beherrscht. Hier setzt sich unter Moholy-Nagys Leitung fort, was bereits mit den entsprechenden Formstudien unter Itten in den frühen Jahren begonnen hatte. Gefäße werden aus Zylindern, Kugeln, Halbkugeln oder deren Kombinationen geformt, als Griffe erscheinen Kreissegmente oder, wie bei Josef Knaus ganz aus Zylindern gebildeter Teemaschine, wiederum Kugeln. Auch wenn dies in wenigen Formen zu Formalismus führt - etwa bei dem Aschenbecher Marianne Brandts, der eine Halbkugel auf drei Stegen mit einem korrespondierenden, dreieckig ausgeschnittenen Deckel versieht, wird in der Werkstatt Wert auf die Feststellung gelegt, daß eben diese Formen aus der jeweiligen Funktion des Gegenstandes oder dem Herstellungsvorgang abgeleitet seien". (Weber 1992, S. 23)
Wie bei vielen Gestaltlösungen in Weimar ging Marianne Brandt von den Grundformen aus, im Falle des Aschenbechers waren es die Kugel und das Dreieck. Grundformen und -farben waren den Schülern in der Vorlehre nahegebracht worden. Es wurde angenommen, daß von den einfachsten Grundlagen aus gültige Typen geschaffen werden können. Ebenso selbstverständlich war das Beachten der Funktion. Auch beim Tintenfaßbehälter achtete Marianne Brandt streng auf Funktionalität: die Feder konnte abgelegt werden, der Kubus nimmt ein Tintenfaß auf. Eine sich keinem Stil anpassende gebrauchsgerechte Form sollte entstehen.
Vergleicht man die Aschenschale mit der dreieckigen Öffnung MT 36 (BHA 3880) mit der von 1926 (BHA 1499), erkennt man die Unterschiede und die Entwicklung. Die erste wirkt etwas dogmatisch nach den Grundformen strebend. Bei der zweiten erfährt die Funktion, das Benutzen, mehr Beachtung. Die Zigaretten können sicher abgelegt werden, und durch Anheben des Deckels fallen Asche und Zigarettenrest nach unten in die Schale, die durch Senken des Deckels sofort wieder dicht abgeschlossen ist. Weiterglimmen und Geruchsbildung werden so verhindert.
Doch auch schon die Aschenschale mit Kippvorrichtung MT 35 (Kunstsammlungen zu Weimar N 205/55 u. a.) von 1924 offenbart solche Überlegungen. Sie ist durch den kippbaren Deckel abgeschlossen, auch eine Zigarettenablage ist vorhanden. Funktional ist sie allerdings noch nicht so vollkommen wie die oben (BHA 1499) erwähnte. "Eigentlich gehört noch ein kleiner Reifen unter den Zylinder, etwas geringer im Durchmesser. Die Schwere des Zylinders sollte damit aufgehoben werden. In der Serie sollte das kein Reifen sein, sondern ein Einzug sollte beim Drücken gleich mit erzeugt werden." (Brandt 1979a, S. 69) Wahrscheinlich sind beide "Aschenbehälter" ihre ersten Arbeiten für die Produktion der Metallwerkstatt. (Dell 1924)
Das Tee-Extraktkännchen MT 49 (BHA 739, Kunstsammlungen zu Weimar N 200/55 u. a.), das gegen Ende ihres ersten Jahres am Bauhaus entstand, verdeutlicht die Absicht, auch bei Gebrauchsgeräten neue Wege zu gehen. Wie bei dem Aschenbecher und einer Reihe gleichzeitiger Entwürfe leiten an Stelle des herkömmlichen Standringes zwei kreuzförmig angebrachte Balken von der Kugelwölbung zur Standfläche über. "Ohne den Umriß der Halbkugel zu unterbrechen, wirken sie als plastische Bereicherung des Körpers, betonen die Hauptachsen der Kanne und verleihen ihr zugleich eine gewisse Schwerelosigkeit." (Experiment 1988, S. 132) Neuartig war die Kombination verschiedener Metalle. Der Kugelkörper war exakt halbiert, die durch die Teilung entstandene Fläche wurde mit einer ebenen Fläche abgeschlossen. "Mit diesem Tee-Extrakt--kännchen schuf Marianne Brandt die klassische Formulierung der Gestaltungsgrundsätze, die an der Metallwerkstatt 1924 vorherrschten: bei keinem anderen Stück sind die Einzelformen so einfach gewählt, so klar gegeneinander abgesetzt, der Kontrast verschiedener Materialien so geschickt eingesetzt wie bei diesem Kännchen, von dem eine Anzahl von Ausfertigungen in verschiedenen Materialien bekannt sind. Trotz der genauen Befolgung der 'Regeln' wirkt das Ergebnis keineswegs doktrinär, da die Funktion erkennbar bleibt." (Sammlungskatalog 1987, S. 106-107) Es existieren heute mindestens vier weitere Exemplare, in Form und Material leicht voneinander abweichend. Davon sind nachweislich zwei in Silber ausgeführt worden. Hervorzuheben ist, daß diese großartigen Leistungen in ihre Zeit als Lehrling, d.h. ihrem ersten Jahr in der Metallwerkstatt einzuordnen sind.
Weniger bekannt ist Marianne Brandts kugelförmiges Tee-Extraktkännchen (Kunstsammlungen zu Weimar N 209/55) Sie stellte eine vollkommene Kugel so auf ein Kreuzgerüst, daß der untere Scheitelpunkt der Kugel fast auf der Unterlage auflag, verkippte den Deckelausschnitt in Richtung des Griffs und fügte eine beidseitig ausgehöhlte fast halbkreisförmige Ebenholzscheibe als Griff an. Die Röhrentülle behielt sie bei. Die geschlossene Henkelform, die ein Durchgreifen verhinderte, führte zu einer bestimmten Handhabungsweise, die sicher beabsichtigt war. Jenseits aller funktionellen Erörterungen dürfte jedoch der farbig-formale Akzent den Ausschlag zu seiner Verwendung gegeben haben.
Bei den in der Weimarer Werkstatt verwendeten Materialien handelte es sich meist um die Kupferlegierungen Messing, Tombak, Bronze und Neusilber. Die Oberflächen wurden poliert oder vernickelt und zeigen, von vereinzelten Lötfugen oder leichtem Hammerschlag abgesehen, kaum handwerkliche Verarbeitungsspuren. Obwohl noch völlig handwerklich hergestellt, ist der Vorgang des Metalltreibens bei diesen Arbeiten nicht mehr sichtbar. Das kugelförmige Tee-Ex-trakt-kännchen nahm ebenso wie die anderen Tee-Extraktkännchen (z. B. BHA 739), schon einen maschinell verarbeiteten Charakter an. Bis Moholy-Nagy am Bauhaus begann, schrieb er 1938 rückblickend, war die Metallwerkstatt "eine Gold- und Silberschmiedewerkstatt gewesen, die Wein-krüge und Samoware, kunstvolle Schmuckstücke, Kaffeegeschirre usw. herstellte." (Moho-ly-Nagy 1955, S. 134)

Die formalen, besonders aber technischen Möglichkeiten der Weimarer Periode schienen beim Kaffee- und Teeservice (BHA 3269/I-IV) im Wesentlichen ausgeschöpft zu sein. Mag bei den Entwürfen auch an eine industrielle Serienproduktion gedacht worden sein, so charakterisieren sie sich doch noch durch die Bedingungen der handwerklichen Fertigung. Im Formen-charakter schloß es sich an das Tee-Extraktkännchen an. Es war wohl die aufwendigste und vom Material her kostbarste Arbeit, die in der Metallwerkstatt je entstand und wurde für die Bauhausweberin Marli Ehrmann ausgeführt, ein attraktiver Einzelauftrag. Dieses ausgesprochen luxuriöse Ensemble stand im Widerspruch zum neuen Programm der Metallwerkstatt unter Moholy-Nagy, der den Entwurf funktionaler Gebrauchsgegenstände für die industrielle Produktion in den Vordergrund stellte. Marianne Brandt bezeichnete das Service als Einzelstück und zugleich als Prototyp. (Vgl. S. 24 dieser Arbeit) Eine Serienproduktion aus billigerem Material war demnach intendiert, kam aber nicht zustande. Lediglich die Teekanne, der Sahnegie-ßer und die Zuckerschale wurden auch in weiteren Exemplaren aus Neusilber und Messing angefertigt. Außerdem ist im Monatsbericht der Metallwerkstatt für November 1924 ein "Teeservice in Tombak, Entwurf Fr. M. Brandt, ausgeführt von Otto Rittweger" (Dell 1924a) erwähnt.
Das Service wurde 1925 in dem Bauhaus-Buch "Neue Arbeiten der Bauhauswerkstätten", ohne Tablett, statt dessen mit einem Spiritusbrenner für den Wasserkessel, erstmals veröffentlicht. Zwei weitere Abbildungen in derselben Publikation zeigen kleinere, vierteilige Zusammenstellungen auf runden Tabletts, für die als Material jedoch Neusilber angegeben ist.

Auffallend ist die formale Uneinheitlichkeit der Teile. Drei von ihnen - Teekanne, Zuckerdose und Wasserkessel - basieren auf der Kugelform, zwei - Sahnegießer und Kaffeekanne - sind zylindrisch geformt. Entsprechungen gibt es in der Ausbildung der Henkel, die bei der Teekanne und beim Wasserkessel fast identisch sind, sowie bei den kreuzförmigen Füßen von Zuckerdose, Sahnegießer und Teekanne. Letztere hat, etwas größer, die Form des früher entstandenen Tee-Extraktkännchens. Der Deckelknopf des Tee-Extraktkännchens wurde durch eine halbkreisförmige Scheibe ersetzt und die Dicke der Fußstege verringert. An Stelle des rückseitig und starr mit der Kanne verbundenen Henkels verwendete Marianne Brandt einen Bügel, der den Kannenkörper überspannt und seitlich geklappt werden konnte. Dieser Bügel besteht aus zwei ungleich langen metallischen Endungen und einem Mittelstück aus Ebenholz. Der Bügelscheitel liegt hinter der Mittelsenkrechten, so daß die Kanne beim Eingießen in Richtung der Tülle kippt. Den Wasserkessel bildete Marianne Brandt aus einer Dreiviertelkugel, die sich über flachen Boden erhebt. Der kleine Deckel ist in die Kugelwölbung eingepaßt und wird von einem Bügel überwölbt, der dem der Teekanne entspricht. Die Henkelansätze sind im oberen Bereich senkrecht auf die Wölbung der Kugel aufgesetzt und führen den Henkelverlauf fort. Die Tülle sitzt tief und relativ steil am Körper an. An Stelle des Standkreuzes der Kaffeekanne verwendete sie wieder einen geschlossenen Fußring, über den hinaus die Wandung sich zur zylindrischen Form hin entwickelt.
Die einzelnen Teile des Service sind nicht durch formale Analogien oder Vergleichbarkeit von Details aufeinander bezogen. Besonders die Kaffeekanne ist in der Anlage einem Teeservice von Wilhelm Wagenfeld von 1924 ähnlich, der dazu bemerkte. "Die Zusammengehörigkeit der verschiedenen Teile eines Service darf nicht gekennzeichnet werden durch formale Gleichmäßigkeiten, sondern: jeder Gegenstand muß in seiner funktionellen Bestimmung seine formale Lösung finden und so seine Abhängigkeit vom anderen betonen." (Wagenfeld 1924, S. 187)
Der Glasdeckel der Zuckerschale aus dem Service von Marianne Brandt wurde in den fünfziger Jahren durch Acrylglas ersetzt, "da das Glas beim Abwaschen häufig brach" (Brief der Vorbesitzerin an das Bauhaus-Archiv, 28.1.1977, zit. nach: Metallwerkstatt 1992, S. 142), und wurde inzwischen im ursprünglichen Material rekonstruiert. Gläserne Bauteile kamen in der Metallwerk-statt, der Vorliebe Moholy-Nagys für dieses Material entsprechend, mehrfach vor. Aber das bereits 1902 entdeckte Acrylglas, wurde, wie früher angenommen, nicht verwendet. "Hätten wir damals schon etwas von Plexiglas und anderen Materialien geahnt, ich weiß nicht, zu welchen Utopien wir uns verstiegen haben würden." (Brandt 1985, S. 158)
Eine begeisterte Besprechung des Services erschien 1926 innerhalb eines Artikels über die Metallwerkstatt des Bauhau-ses in der Zeitschrift "Kunst und Kunstgewerbe". "Da steht z. B. das Teeservice der Marianne Brandt. Die bauchige Teekanne, das hat man sofort heraus, ist eine Halbkugel, die auf vier dreieckigen angelöteten Metallstücken steht. Apart sieht es aus und auch maschinenmäßig, aber warum solche Künstelei?, spricht der brave Ästhet. Ihm kann aber leicht Antwort gegeben werden. Eine Halbkugel preßt die Maschine auf einen Druck, eine Walze wird spielend durch den Ring gezogen. Damit nun das Ganze steht, werden Stützen daran gelötet, wie es einfacher nicht gedacht werden kann. Ja, jetzt wird's Tag. Man greift sich an den Kopf: warum ist man nicht selbst schon längst auf derlei gekommen? Ueber den glatt kreisförmig abgeschlossenen Gefäßbauch - noch nie wurde das Füllende und das Tragende klarer zur Anschauung gebracht! - zieht sich ein halbkreisförmiger, drehbarer Henkel in entgegengesetzter Bewegung und unsymmetrisch über den Kreis gestülpt, aber wohl ausbalanciert durch den als Tangente an die Halbkugel gelegten Ausguß. Der Deckel des Gefäßes, leicht überhöht, kreisförmig, ist dorthin gesetzt, wo er hingehört, nicht in die Mitte wie üblich, sondern in die dem Ausguß gegenüberliegende Hälfte. Kein Tropfen kann beim Einschenken heraus. Der Deckel ist nicht zum Klappen, sondern zum Einschieben, also hermetisch verschlossen. Griffe an Deckel und Henkel sind teilweise aus Holz, damit man hinpacken kann, auch wenn der Topf glühend heiß ist. So allmählich erkennt man, welch feines Instrument so eine Kanne sein kann. Sogar die schnaube ist so gebaut, daß der widerliche Tropfenfänger überflüssig wird. Ueber solchen technischen Betrachtungen enthüllt sich plötzlich auch die Schönheit dieses Zweckgegendstandes. Wie elegant, wie raffiniert, wie gefällig, ja spielerisch doch die 'nüchterne' Sachlichkeit eigentlich sein kann. Und dann erst die Spiegelung der polierten Neusilber-Halbkugel. Welch berückende Zeichnung, welche Reflexe, welche zarten, fein kontrastierten Schattierungen, welch ein Lich-terspiel, welch 'natürliche' und trotzdem unwirkliche Malerei geheimnisvoll darinnen ruht !" (Fuchs 1926, S. 222)
Ähnlich lautete eine andere spätere Beschreibung des Service. "Der plastische Ausdruck des Teeservices von Marianne Brandt, die ich für eine unserer besten Metallkünstlerinnen halte, geht von der Kugel- und Walzenform aus, die man mit der Maschine am sichersten und raschesten erzielt. ... Eine Halbkugel ist die bauchige Kanne, deren dynamisch gespannte, aktive Kraft durch die kontrastierende Gegenbewegung des massiven Halbkreishenkels gesteigert und zugleich zur geschlossenen Einheit verbunden wird. Daß die Deckelbüchse nicht konzentrisch angelegt wurde, sondern tangierend an die Abschlußkreisfläche des Gefäßbauches, verrät nicht nur ästhetische Kultur gepaart mit künstlerischem Mut, es verrät zugleich technisches Zweckverständnis und Erfindergeist, denn so kann Flüssigkeit beim Ausgießen nie ausströmen. Der halbkreisförmige normierte Ebenholzgriff des Deckels, der für sich betrachtet reichlich gewollt erscheinen mag, wird aus der Gestaltung des Ganzen unumgänglich nötig, da die Kugelform- und Kreisflächenharmonie bis zum letzten gewahrt bleiben muß. Die gleichen Elemente enthält die Zuckerschale: eine einfache Calotte auf niederem Steg, die Griffe apart geschnittene Kreisschei-ben. Auch hier ist das gleichgewichtige Verhältnis der plastischen Metall-formung einzigartig. Die Milch- und Wasserkanne haben andere Massenverhältnisse. Im Gegensatz zu der horizontalen, breit trächtigen Lagerung der beiden ersten Gefäße bringt die vertikale Walzenform Betonung nach oben." (Fuchs 1927, S. 82-83)

Einen Einblick in die Produktion der Metallwerkstatt geben die monatlichen Werkstattberichte von Juli-August 1924, 50 Lampen mit Eisenfuß (MT 8), 10 Lampen mit Glasfuß (MT 9), 6 Neusilberkannen (MT 27-31), 2 Messingkannen (MT 32), 7 Likörkännchen (MT 33/34), 5 Teebüch-sen (MT 37/38), 3 kleine Teebüchsen (MT 39) sowie ein Neusilber-Service (MT 40-43). (Vgl. Dell 1924b) Im Oktober 1924 fertigten die Mitarbeiter der Metallwerkstatt 9 Teekugelständer, 50 Teekugeln, 15 Teebüchsen, 3 Saucièren aus Neusilber, ein Teeservice aus Messing, 3 Extraktkännchen, ein Mokkaservice aus Neusilber, eine Kupferschale, eine Messing-schale, 25 Glas-lampen und 4 Aschenschalen (Dell 1924a).

Etwa in das Jahr 1924 sind die Collagen "Bulle - Esel - Affe" und "Wenn der Mensch sein Schicksal ...", Collagen privaten Inhalts, die das Verhältnis zu ihrem Mann Erik Brandt zum Thema haben, zu datieren. Der Text ist zum Teil in französischer Sprache. Geschlechterbeziehungen werden halb im Ernst, halb im Scherz kommentiert. Sie wirken verspielt und erinnern ein wenig an dadaistische Collagen. Kopf und Körper agieren getrennt. Porträts von sich, ihrem Mann und Fotos von kaum bekleideten Frauen sind mit zynischen Bemerkungen versehen. "Bulle - Esel - Affe" und andere Aussagen kommen Sprechblasen gleich aus ihrem Mund und sind an die Adresse ihres Mannes gerichtet. In späteren Collagen kamen eigene private Fotozeugnisses (Ausnahme "me") nicht mehr vor.