Leiterin der Entwurfsabteilung der Ruppelwerke Gotha

Die moderne deutsche Formgestaltung von Lampen wurde hauptsächlich durch das Bauhaus geprägt. Vor-bildliches außerhalb des Bau-hauses stand mehr oder weniger unter dem Einfluß seiner Gestaltungslehren. "Nimmt man die in der Metallwerkstatt des Bauhauses von Gyula Pap, Carl Jakob Jucker, Wilhelm Wagenfeld, Marianne Brandt, Hin Bredendieck, Heinrich Siegfried Bormann und Hans Przyrembel geleistete Entwicklungsarbeit hinzu, so mag es fast scheinen, als sei das Bauhaus der Dreh- und Angelpunkt modernen Lampendesigns schlechthin gewesen." (Heyden 1992, S. 101)

Während die Wirkung der Metallwerkstatt, vergleicht man sie mit vorangegangenen Jahren, nun als Teil der Ausbauwerkstatt zuletzt nachgelassen hat, haben viele ehemalige Mitglieder einen eigenen und erfolgreichen Weg eingeschlagen, der auf ihrer Arbeit am Bauhaus aufbaute. Chris-ti-an Dell lehrte an der Frankfurter Kunstschule, arbeitete als Silberschmied und entwarf Be-leuch--tungskörper für die indu-strielle Produktion, und dies sehr erfolgreich. Ebenso sind Hans Przyrembel, Naum Slutzky und Wolfgang Tümpel als Gestalter für die industrielle Produktion beschäftigt gewesen. Wilhelm Wagenfeld war erfolgreich auf den Gebieten der Metall- und Glas-gestaltung tätig, auch noch in der späteren DDR.
Nachdem die Mitarbeit von Marianne Brandt im Bauatelier Gropius beendet war, erhielt sie eine Arbeitsstelle als Leiterin der Entwurfsabteilung des Bereiches Kunstgewerbe der Metallwa-renfabrik Ruppelwerke in Gotha. Sie übernahm die Farb- und Formgestaltung von Massenbe-darfs-ar-ti-keln aus Metall und veränderte sehr erfolgreich die Produktpalette. Ihre Entwürfe gingen, wie schon am Bauhaus Dessau, in die Serienproduk-tion.
Im Jahr 1935 verschickte Walter Gropius ein Rundschreiben an ehemalige Bauhäusler, in dem er sie bat, "kurze angaben über ihre eigene tätigkeit in der praxis" zu machen und darüber zu be-rich--ten, "wie weit es ihnen gelang dort den bauhausgedanken zu verwirklichen". (BHA 10797/1-6) Die unsichere Antwort Marianne Brandts: "es ist mir nicht ganz leicht gefallen, etwas zusammenzubekommen. hoffentlich entspricht das eine od. andere ihren anforderun-gen." (BHA 10797/1-6) War sie sich der Qualität und Wertigkeit ihrer Arbeiten nicht bewußt? Konnte sie doch berichten, daß eine Großzahl ihrer Werke schon während der Bauhauszeit, aber auch noch zum damaligen Zeitpunkt, also 1935, von der Industrie produziert worden sind. "v. 1929-33 arbeitete ich als mitarbeiterin der fa, ruppelwerk in gotha (lieber aber den namen nicht mit erwäh-nen) ich hatte die gesamte entwurfsarbeit u. überarbeitung der artikel abteilung "kunst-gewerbe" zu besorgen. ... allgemein wurde mir versichert, das es mir gelungen sei, dass früher recht verworrene u. wenig erfreuliche gesamtbild der produktion dieser abteilung in ein zeitgemässeres zu verwandeln. ebenso ist es gelungen, anordnung u. druck des katalogmaterials zu beeinflussen." (BHA 10797/1-6) Der Antwort auf das Rundschreiben legte sie eine lange Auf-lis-tung ihrer Werke bei, die industriell produziert wurden, zunächst Arbeiten vom Bau-haus. "lieb wäre mir, wenn sie das ruppelwerk nicht mit namen nennen wollten, die herren sind recht empfindlich und doch wäre es schwer möglich den erfolg der arbeit in gotha nachzu-weisen, wenn man keinen vergleich zu 'vorher' brächte. leider habe ich aus dem 'vorher' nicht die krassesten beispiele geben können, weil mir das material fehlte. das werk hatte eine ganze reihe kunden in england, meist für ziemlich geschmacklose sachen, auch viele windleuchter. deshalb bitte ich um diese rücksicht." (BHA 10797/1-6) Zu den von ihr über-arbeiteten Werken gehören u. a. ein Garderobehalter, Kerzen-, Servietten- und Briefständer, Leuchter, Gießkannen, ein Staub--tuchbehäter, Brieföffner, ein Teewagen, zum Großteil kleinere Gebrauchsgegenstände.
Da Marianne Brandt als Leiterin dieser Entwurfsabteilung tätig war, ist eine sehr hohe Eigenverantwortung und Selbständigkeit vorauszusetzen. Die zitierte Auflistung als Antwort auf das Rund-schreiben, aber auch Fotos von Schaufenstern, ausgestaltet mit Ruppel-Erzeugnissen und die Ausstellungsbeteiligungen im Grassimuseum Leipzig, bezeugen ihre rege und erfolgreiche Tä-tig--keit in Gotha. Die daraus resultierenden höheren Absatzchancen der Firmenprodukte sind hauptsächlich auf ihren Einsatz zurück-zuführen.

Um 1930 verbrachte Marianne Brandt gemeinsam mit Erik Brandt einen Urlaub in Norwegen. Das kleine Ferienhäuschen der Familie Brandt in Sollia bot ihm die richtige Umgebung, um zu malen. Begann auch Marianne Brandt wieder, sich dieser Ausdrucksform zu widmen? Ihre er-sten bekannten bildkünstlerischen Werke stammen aus der Mitte der dreißiger Jahre. Aber sie fotografierte sehr viel. Einige Fotografien von diesem Urlaub, Landschaften zumeist, sind heute noch vorhanden, auch ein komplettes Album. Oft porträtiert sie Erik Brandt. Die interessante-sten Bildausschnitte wählte sie innerhalb ihres Hauses. Aus verschiedenen Blickwinkeln, oft über-trieben von oben oder unten, fotogra-fierte sie sich selbst, ihren Mann oder auch nur das Interieur des Hauses. Das Haus ist angefüllt mit Utensilien für Malerei, Pinsel, Farben, eine Staf-felei. Marianne Brandt experimentierte wieder mit der Spiegelung. Erik Brandt sitzt, Pfeife rau-chend im Lehnstuhl, ist, obwohl Hauptinhalt, an den äußer-sten linken Rand gerückt. Ein anderes Foto zeigt ihn, wahrscheinlich ein Selbstporträt malend, in die Diagonale verschoben.
Zwei Jahre später schrieb sie über ihren Mann, "eriks vater ist sehr krank, deshalb schrieb erik so wenig. e. hat viele geldschwierigkeiten, schreibt jetzt sehr lieb, kann mir blos auch nicht hel-fen, da er sich selbst nicht helfen kann. begreiflich. man darf auch bei ihm nichts auf die waage legen, wie bei anderen leuten, er versteht dann immer gar nicht, was los ist. ich hatte manches zu tragisch genommen in letzter zeit u. war recht aus dem geleise. das hat sich wieder ganz schön eingefahren, aber wohin es wohl führt zuletzt?" (BHA 12730/2)
Ihrer sehr guten Freundin Marthe Bernson schickte Marianne Brandt sehr oft Schriftproben von Freunden, die diese gegen Honorar graphologisch beurteilen sollte. Marthe Bernson untersuch-te Schriften von Marianne Brandts Vater, von Moholy-Nagy, von "Otto", womit womöglich Otto Rittweger gemeint sein könnte. Marianne Brandt legte auf dieses Urteil viel Wert.

Der Kontakt mit László Moholy-Nagy war trotz der räumlichen Trennung nicht abgebrochen. Am 19.3.1930 bat er sie, "rasch die fotos (alle) von ihren bauhausarbeiten" zu schicken. "ich möchte sie auf der ausstellung vergrössert möglichst reichlich verwenden. sie bekommen sie alle unversehrt baldigst zurück." (BHA 10136/2) Im August des Jahres 1930 schrieb er, "Liebe Marianne, den schönen, langen, lieben Brief nachgeschickt erhalten. ich würde oft, noch öfters sagen, das arbeit das beste le-bensziel ist, auch dann, wenn sie mit schwierigkeiten verbunden ist. das ist nur ein kurzes lebenszeichen, damit sie wissen, das ich oft an sie und ihre arbeit denke." (BHA 7073), einige Monate später, "Liebe Marianne, wie geht es? ich habe so lange nichts von Ihnen gehört. arbei-ten Sie wenigstens für sich, daß sie sich nicht einrosten?" (BHA 10136/4) In einem Brief bat er sie im September 1932 um Entwürfe für eine kleine Par-fümflasche, "nicht un-bedingt aus glas ev. aus metall. ev. in der westentasche tragbar, guter ver-schluss, elegantes aus-se-hen. billig. sehr billig in der herstellung. massenher-stellung. ob die bestel-lung in ihrem betrieb erfolgen können, ahne ich es nicht. ich versuche es, wenn angenommen und wenn sie darauf wert legen. wenn ein kleiner trick dabei ihnen, verschluss, oder sprüh- und giess - und tropfver-fah-ren einfällt, desto besser. billig, billig, billig. ich nehme an, dass die flasche mit flüssigkeit höch-stens 40 pfennig verkauft wird. ich versuche hier auch etwas zeichnen. hono-rar: wenn ich be-kom-me, gebe ich natürlich so viel ab, dass sie daran freude haben. (wie viel soll ich dafür bit-ten?)" (BHA 10136/3)
Zusammenarbeit mit der Schweizer Wohnbedarf AG
Gelegentlich arbeitete Marianne Brandt mit der Schweizer Wohnbedarf AG (Wobag), die 1931 gegründet worden war, zusammen. Angeregt dazu wurde sie wahrscheinlich durch László Moholy-Nagy, der sich oft in der Schweiz bei dem Ehepaar Giedion aufhielt. "Lampenentwürfe könnte ich für sie ev. in der Schweiz unterbringen. Bredendieck arbeitet schon da. aber meiner ansicht nach fehlt ihm etwas die künstlerisch-formende kraft, obwohl er einige nette dinge schon gemacht hat. besonders technische tricks. gute". (BHA 10136/3) Die Schweizer Wohn-bedarf AG mit Siegfried Giedion als einer der Initiatoren, war an einem Konzept der Klein-woh-nung, dem Zusammenspiel von Entwerfern und Produzenten, interessiert. Im Oktober 1932, zu einer Zeit, als sich die ersten Emigranten aus Deutschland in die Schweiz abzusetzen begannen, veranstaltete die Schweizer Wohnbedarf AG eine "Lichtwoche", der sich eine Aus-stellung vom 1. Oktober bis 14. November 1932 im Züricher Kunstgewerbemuseum anschloß, an der auch Marianne Brandt beteiligt war. Die Wohnbedarf AG konnte zu Beginn noch keine eigenen mo-der-nen Beleuchtungskörper anbieten. Meist wurde auf Modelle aus Frankreich oder Deutsch-land zurückgegriffen. Für die Ausstellung erarbeiteten vorwiegend Hin Bredendieck und Sieg-fried Giedion die Entwürfe für Beleuchtungskörper, deren Prototypen gezeigt wurden. Als ehe-ma-lige Bauhaus-Angehörige arbeiteten Herbert Bayer, Otti Berger und Marianne Brandt aus der Ferne mit der Schweizer Wohnbedarf AG zusammen.
Marianne Brandt kooperierte u. a. mit der Bronzewarenfabrik AG in Turgi, die von ihr Schalen produzierte. Sicherlich in diesem Zusammenhang bat sie 1932 das Bauhaus "um Druckfutter für ihre Schalen" (Tagebuch des Bauhaus-Sommerse-me--s-ters vom 20.4.1932, zit. nach: Bauhaus Berlin 1985, S. 55), eine Bitte, die abgelehnt wurde. Kooperationen bestanden außerdem mit der Eisen- und Metallwa-renfabrik A.-G. Rüti (Embru) und der Basler Eisenmöbelfabrik Sissach. Mari-anne Brandt bemängelte später die Qualität der Scha-len, das Material sei etwas zu stark, worun-ter die Schärfe im Profil leide. (Brandt 1966) Neben diesen Hauptlieferanten bestanden mit eini-gen ausländischen Firmen Kontakte, die er-gän-zen-de Accessoires für die Wohnungseinrichtung lieferten.
In dem oben erwähnten Schreiben von Moholy-Nagy teilte er Marianne Brandt mit, an welchen Entwürfen die Schweizer Wohnbedarf interessiert sei. "es käme in frage: nachttisch, schreibtisch / flur (wandarm?) / wohnzim-mer leuchte - / küche - bad. besonders aber eine pendellampe für esszimmer. für niedrige decken einen tiefstrahler, und indirektes licht, eventuell mit optischen systemen (linsen + spiegel) solche konstruktionen die mit 75 watt stärkstes licht ergeben. siehe ev. autoreflektoren. " (BHA 10136/3) Es ist weder bekannt, ob diese Entwürfe von der Schwei-zer Wohnbedarf AG akzeptiert wurden, noch ob Marianne Brandt überhaupt welche schuf. Von "Marianne Brandt holte die Wobag 1932 Angebote für Schalen, Aschenbecher, Teeservices, Tischaccessoires u. a. m. aus Metall ein. Eine verchromte Messingschale war im Wobag-Laden sowie auf der 'Licht'-Ausstellung 1932 im Kunstgewerbemuseum Zürich zu sehen". (Schweizer Typenmöbel 1989, S. 86) Was mögen die Ursachen gewesen sein, daß sie sich nicht stär-ker en-gagierte, zumal viele alte Freunde, wie zum Beispiel Hin Bredendieck dort arbeiteten?
Parallel zu diesen Aktivitäten für die Schweizer Wohnbedarf AG hat sie sich am Bauhaus, um die "Auswertung der von ihr entworfenen Dinge" (bauhaus 2, S. 59) bemüht. In einem Brief vom 18. 3. 1932 (bauhaus 2, S. 59) teilte man ihr mit, daß man daran "nicht interessiert sei". Im März 1930 erhielt sie außerdem ein Schreiben von Hannes Meyer mit der Nachricht, daß sie nach er-folgter Diplomierung nicht mehr Bauhaus-Studierende sein könne. (bauhaus 2, S. 59)

Aus den spärlich vorhandenen Aussagen von Marianne Brandt ist zu entnehmen, daß ihr diese Tätigkeit in Gotha nicht sehr zusagte. "mir gehts wie immer, bin recht wenig be-geistert, mich noch immer hier zu finden - sogar oft direkt verwundert darüber." (BHA 12730/2) Die Wirtschaftskrise jener Jahre beendete dann schnell diesen trotz alledem intensiven Zeitabschnitt. Produktionsumstellungen und Arbeitszeitverkürzungen wurden notwendig. Inwie-weit ihre Entlassung mit der "Säuberung" des Werks durch die Nazis zusammenhängt oder nur der wirtschaftlichen Lage Rechnung trug, bleibt ungeklärt. Sie überlegte schon lange, die Stelle in Gotha aufzugeben. Der Vater schrieb 1932: "Aber Dein Bleiben in Gotha ist wohl zweifelhaft? Hat sich die Zukunft des Werks geklärt?" (BHA 10008/1) "Du bist Dir wohl dar-über im Klaren, daß es zur Zeit schwerer als jemals ist, ein Unterkommen zu finden. Also bleibt nichts übrig, als sich mit den Verhältnissen, wie sie sind, abzufinden." (BHA 10010/2). In einem anderen Brief äußer-te er sich zu Ihren Reiseplänen. "Du schreibst, dass Du am liebsten nach Oslo reistest ... und machst gleichzeitig Pläne für Kapri und Sizilien." (Liebe 1932) "Dass Dir für alle Fälle eine Zu-flucht im Elternhause hast, weisst Du." (Liebe 1933) Schon im November des Jahres 1932 war es soweit. In den Überlegungen, wie es weitergehen sollte, findet man Ziele wie Oslo, Ber-lin, die Insel Capri und Hamburg, wo sie sich auch kurzzeitig aufhielt. Erik Brandt wollte ange-sichts der Tatsache, daß die Macht in den Händen der Nazis lag, nicht nach Deutschland kom-men. Im Mai 1932 schrieb Marianne Brandt, "es ist alles stockdunkel u. besonders hoffnungsvoll sieht die situation für mich nicht aus./trotzdem, man freut sich an der sonne! nur schlimm, dass man immer erst zu ihrem genuß kommt, wenn man schon recht ermüdet ist." (BHA 12730/2) Wahrscheinlich ging es Marianne Brandt gesundheitlich nicht sehr gut. Auch ein anderer Brief bestätigt diese Vermu-tung. "es fällt mir nicht schwerer als früher, aber müde bin ich eben immer sehr, wenn ich nicht nach bedürfnis ausruhen kann. also zu zart für diese welt, mit anderen wor-ten. ich mache alles falsch ..." (Brandt 1931) Von ihren Freunden Marthe und Bernhard Bernson wurde ihr ein Übersiedeln nach Paris nahe gelegt. "Marianne, - wenn Du Dir überlegst, ob Du nicht besser hierher kämst, wo Du Paris in der Nähe und viele Vorzüge des Südens hast? Von unserer freundschaftlichen Nähe abgesehen - es gibt doch für Deine künstlerisch gewerbliche Ei-ge-nart manche Möglichkeit .... Also brüte über diesen Vorschlag." (Bernson 1933a)