Werke 1929 - 1932

In den Ruppelwerken in Gotha oblag Marianne Brandt die Neubear-beitung der gesamten Produktpalette der Abteilung "kunstgewerbe". "es handelte sich um lackierwaren aus schwarz-blech vorwiegend. die techniken: stanzen, drücken, ziehen, punktschweissen.... ich strebte, anstelle des sog. luxusbe-darf u. der scherzartikel unter voller berücksichtigung der eigenart der fabrikation des werkes, dinge einzuführen, die mehr einen wirklichen bedarf u. praktischen ansprüchen entspre-chen. anstatt angemalter od. mit vielen schablonen gespritzter 'dekore' setzte ich die wir-kung durch aufschrauben od. annieten andersfarbiger teile (z. B. holzkugeln) u. verchromtes metall." (BHA 10797/1-6)
Ihrer Antwort auf das Rundschreiben von Walter Gropius legte Marianne Brandt eine lange Lis-te mit Beispielen der von ihr veränderten Produkte bei, zunächst den vorhergehenden Pro-dukt-typen gegenübergestellt. Diese Gegenüberstellung kommentierte sie bemängelnd, daß z. B. bei einen "windleuchter" die "formen nicht revidiert worden" sind und "einem geschmacke von vor 40-50 jahren" entstammen, "teure werkzeuge, staubfänger". (BHA 10797/1-6)
"8./ standuhr (wozu, da es wände gibt?) da ist aber oben schon ein neueres teil verwendet
9./ streichholzbehälter/ eckig, massiv sehr teuer, da technisch sehr schwierig/ wurde daher 'wertvoll' genannt.
10./11./ buchstützen. formen schon richtig, aber diese dekore!
12./ blumentopfhülle (schadet den pflanzen, da absolut durch-lässig) u. untersatz, rand gewellt, daher immer staubig.
13./14./ kakteenkanne/zwar brauchbar aber gesenkt, unpraktische u. d. fabrikation zuwider-laufende formen ...
20./ teetischchen. komplizierte herstellung u. 'geschmackssache'
22./ satz tabletts./ durchbrochener rand, immer staubig, teures werkzeug, handmalerei
21./ spielkeller, geprägt, messing. mit charakterköpfen" (BHA 10797/1-6)
Dazu im Gegensatz hob Marianne Brandt bei den neuen, von ihr veränderten Artikeln die Vor-züge, beson-ders der Herstellung und Verwendung hervor. So waren die "messerschale f. obst-mes-ser" und die "wanduhr" von Blatt 10 "aus vorhandenen techn. ziehteil" (BHA 10797/1-6) hergestellt worden.
"3./ kerzenleuchter, verchromter lichthalter
4./5./ bearbeitete und neue buchstütze, verchromter rand, einfaches spritz-dekor
6./ windleuchter für die wand (bearbeitung von nr. 3 des blattes (11.))
7./ elektrische nachttischlampe/opalglaszylinder z. hälfte elfenbein lackiert
8./ briefständer f. d. schreibtisch metallbügel verchromt
9./ kakteenhalter (aus vorhandenen teilen)
10./ serviettenständer aus verchromten draht u. glas persönlich wollte ich nur draht
11./ behälter mit deckel für papierdeckchen (vorn geöffnet für bequemes herausnehmen d. deckchen
12./ kleine leuchter aus blechfuss, holzkugel u. verchromter lichthalter
13./ kakteenständer aus lackiertem draht, glasplatten, gummi-auflage (können übereinander gestellt werden 2-3 Stück)" (BHA 10797/1-6)
Ein Teewärmer aus rot lackiertem Stahlblech hat in der Seitenwand und oben gestanzte quadratische Löcher. Kleine Erhöhungen an der Oberseite sorgen zusätzlich dafür, daß das Teelicht mit Luft versorgt wird. Dieser Teewär-mer war rein funktional gestaltet. Überlegungen wie die asymme-trische Anordnung der Öffnung bei dem Tee-Extraktkännchen von 1924 (Kunstsamm-lun-gen zu Weimar N 209/55) fehlen hier völlig, wobei die Farbe für die damalige Zeit unge-wöhn-lich gewesen sein mag. Ebenso verhält es sich bei einer kleinen Dose für Brief-marken, auch aus rot lackiertem Stahlblech. Die Briefmarken können durch die jeweils ange-schrägten Unterseiten leicht entnommen werden. Die Arbeiten sind einfach und stark auf die Funktion orien-tiert.
Dies sind kleinere Gebrauchsgegenstände für die Wohnung, die vor der Veränderung durch Marianne Brandt größtenteils überladen waren, zum Kitsch neigten. Nach ihrem Ausscheiden setzte sich dieser Trend zum Teil wieder durch. Marianne Brandt konnte ihr hervorra-gendes Kön-nen in der Formgestaltung von Lampen, abgesehen von der kurzen Episode an der Dresd-ner Kunsthochschu-le nach dem Krieg, nicht wieder unter Beweis stellen. Die Auflistung und die Ergebnisse zeigen, daß Marianne Brandt im Sinne des Bauhauses, wie von Gropius erfragt, er-folg-reich weiterwir-kte.
Der Umfang der dort veränderten oder neu entwickelten Arbeiten ist sicher größer, als es die-se Listen zeigen können. Schwer läßt sich der genaue Anteil Marianne Brandts fest-stellen. Ob-wohl sie die Abteilung leitete, fehlt ihr Name in den Musterlisten und wurde auch in Produkt-be-spre-chun-gen der Fachzeitschriften nicht erwähnt. Entwürfe von ihr wurden später als anonyme Werksentwürfe veröf-fentlicht, oft wiederum mit Dekoren verän-dert und entstellt.

Ein Medium, was Marianne Brandt nie aus den Augen verloren hat, ist die Fotografie. Sie fotografierte weiter, experimentierte. Ein Foto der "Augustusburg" bei Chemnitz ist eine Doppelbelichtung. Das erst 1935 fertiggestellte Stadtbad Chemnitz mit seinen klaren Formen ist ebenfalls auf ihren Fotografien zu sehen. 1930 hielt sich Marianne Brandt in Hamburg auf. Einige sehr schö-ne Fotos entstanden vom Hamburger Hafen. Sie fangen die Atmosphäre ein und widerspie-geln die Lebendigkeit und Kraft der kleinen Schiffe, aber auch die Tristesse. Sie fotografierte aus ungewöhnlicher Perspektive, das Motiv liegt zum Teil in der Diagonalen und sie fand interes-sante Bildausschnitte. Das Spiel der Schatten faszinierte sie in der Fotografie "An der Mole".
Einige schöne Bildnisse ihrer Schwester Susanne Lafeldt sind erhalten. Erzeugnisse der Ruppel-werke, die sie umge-staltet oder entworfen hat, gehören ebenfalls zu den fotografischen Moti-ven. In Sollia/Norwegen fotografierte sie die bizarre und rauhe Küstenlandschaft, sich selbst, auch Erik Brandt beim Wandern und Zeichnen. Es gilt als ungewiß, ob Marianne Brandt selbst malte und zeichnete. Es sind keine zeichneri-schen Arbeiten aus dieser Periode bekannt. Dafür sind einige typographischen Arbeiten heute noch vorhanden, so der Entwurf für eine Schachtel für Riesenzündhölzer von den Ruppel-Wer-ken, klar und übersichtlich gegliedert, in bester "Bau-haus-Manier". Sie wählte eine einfache Schrift, die Farben rot und schwarz wechseln sich ab. Zum Teil ist der Text farbig unterlegt, die Größenunterschiede der Schrift sind groß. Für die Weinbrennerei Maweli/Mutter & Co. Mainz entwarf sie Flaschenetiketten.
Noch bis in die Mitte der dreißiger Jahre arbeitete Marianne Brandt gestaltend, entwarf kleinere Dinge, die sie László Moholy-Nagy zusandte, der sich ebenso wie Walter Gropius um Arbeit für sie bemühte. Zum Teil entwarf sie aus eigener Initiative, zum Teil nach Auftrag. Keine dieser Ar--bei--ten ist heute noch vorhanden.