Bildkünstlerisches Arbeiten 1933 - 1945

Diese traurigen Gedanken von 1934 widerspiegeln die Befindlich-keit von Marianne Brandt in den NS- und Kriegsjahren. "ich tue garnichts was mich befriedigen könnte. das einzige ist noch fotographieren, aber da es geld kostet erlahmt auch hier der mut. entwerfen oder gar malen kann ich hier keinesfalls, dazu bin ich zu deprimiert u. habe allzuviel störungen. der zweck meines daseins wird mir allmählich schleierhaft." (BHA 12730/3)

Erst ab dem Todesjahr des Vaters 1936, nach einer langen Pause von 1923/24 an, in der sie hauptsächlich formgestalterisch arbeitete, fotografierte oder Collagen schuf, sind erste bildkünstlerische Arbeiten bekannt. Ihre Arbeiten wirken verworren, unsicher, nach Halt suchend. Nicht zuletzt unter der Einwirkung des Faschismus und den genannten Ereignissen flüchtete sie sich in das Sujet der christlichen Mytho-logie, Madonnendarstellungen und Maria mit Christuskind waren beliebte Themen. Eine The-men-welt, in der man ohne großen Einfluß und Zensur durch die Nazis malen konnte. Oder waren für Marianne Brandt, in einer Periode der Grausamkeiten, Ungerechtigkeiten und per-sönlicher Niederschläge, Fragen des Christentums in den Vorder-grund gerückt? In einem Linol-schnitt (1936) stützt eine abgehärmte Maria mutlos und traurig das Christuskind, welches sich festklammert und anschmiegt, mehr Lebenskraft, um den Auswüch-sen der Zeit zu trotzen, ist nicht vorhanden. Einen ebenfalls traurigen, jedoch harmonischeren Eindruck gibt das Pastell "Maria mit Christuskind und Schwalbe" (1936) wieder. Ihre Malerei während der Nazizeit und des Krieges war bei weitem nicht das, was ihr während des Studiums an der Weimarer Kunst-hochschule gelang.
Während ihres Urlaubes in den Dolomiten im April 1936 fotografierte Marianne Brandt sehr viel. Die Ausschnitte suchte sie bewußt mit der Kamera aus, wählte Unter- und Aufsichten, spielte mit den Kontrasten von Licht und Schatten. Sie fotografierte Strukturen im Schnee, die Holzarchitektur der Bergdörfer, Porträts der Bewohner, eine Kapelle, ein Kloster und in Reihe fahrende Skifahrer. Die gewaltige verschneite Hochgebirgswelt faszinierte sie gleichermaßen.
In der Folgezeit entstanden fast aus-schließlich Stilleben, Landschaften, ein Selbstbildnis. Meist arbeitete sie in Öl, benutzte erdverbundene zurückhal-tende, aber trotzdem kräftige und satte Farben. In ihren Stilleben kehrten oft glei-che Gegen-stände wieder, auch eigene Werke aus der Bauhaus-Zeit. Ein Metallteller taucht immer wieder auf, mit einer Frucht wie z. B. einem Apfel be-legt. Auch eine Aloe-Pflanze und ein Keramikgefäß werden oft abgebildet. Ein Selbstbildnis von 1937 zeigt Marianne Brandt, einen Pinsel haltend, im Vordergrund liegen Malutensilien, Ge-fä-ße, Pinsel. Auf der rechten Seite steht ein Spiegel oder die Staffelei.
Ein schönes Aquarell, gemischt mit Öl, ist aus dem Jahr 1938 bekannt, "Blick von der Ausrücke am Fichtelberg". Die bergige Landschaft stellte sie in Grün- und Beigetönen dar. Diese Farbigkeit und hier und da Schneereste gaben der Landschaft einen rauhen Charakter. Die Malerin war von dieser einfachen Berglandschaft fasziniert. Marianne Brandt liebte ihre Heimat, wird darin immer wieder Trost und Ausgleich gefunden haben.
In Tempera malte sie im gleichen Jahr vier an einem Zaun arbeitende Männer, bzw. pausie-ren ge-rade zwei von der Arbeit. Das Bild wird hauptsächlich durch die Kraft der Männer, dargestellt mit freien, kräftigen Oberkörpern, aber ohne Gesicht, geprägt. Eigenartige Farbigkeit unter-streicht diesen Eindruck. Die Oberkörper erstrahlen in einem unnatürlichen Orange, der Zaun hat ein fades Grün, die Hosen im glei-chen Farbton, nur etwas dunkler. Einer der Männer dreht dem Betrachter resignierend den Rücken zu und wendet sich ab von den Ereignissen, ein ande-rer stützt nachdenklich den Kopf in den Arm. Diese gut gewachsenen, großen und breitschultri-gen Männer wirken erschöpft und arbeitsunlustig. Sie rufen nicht zur Arbeit auf, sehen in der Fer-ne keine Zukunft für sich.
1938 reichte Marianne Brandt für eine Ausstellung in den Kunstsammlungen von Chemnitz fünf Werke ein, eines wurde ausgewählt. Leider ist nicht bekannt, welche Werke eingereicht und ausgestellt wurden. 1939 reichte Marianne Brandt sechs Werke ein, von denen diesmal sogar vier den Juroren gut genug erschienen, um in die Ausstellung aufgenommen zu werden. Von die-sem Jahr sind eine winterli-che Landschaft in Tempera, mehrere Blumenstilleben und zwei Stille-ben mit Aloe bekannt. Die "Glocksinie" ausgenommen, die in einem kräftigen Grün gemalt wur-de, herrschten ansonsten erdige Braun-, Grün- und Rot-töne vor. Im Jahre 1940 waren es elf, 1942 zehn Arbeiten, mit denen sich Marianne Brandt um die Teilnahme an den Ausstellungen bewarb, jeweils eine wurde ausgewählt. Überdies stammt ein sehr markantes Bildnis ihrer Schwes-ter Susanne aus dieser Zeit, karg und prägnant, typisch festgehalten.

Zwischen der offiziell hochgelobten Malerei und der von den Nazis als "entartet" gebrandmark-ten Kunst gab es einen Zwischenraum, den wie Marianne Brandt auch andere Bauhäusler nutz-ten, bisweilen auch um das Überleben zu sichern. Marianne Brandt verfiel nicht dem Natura-lis-mus der damals herrschenden Kunst. In dieser Zeit des Krieges und Nazismus, ohne eine Auf-ga-be, die ihrem Können entsprach und sie herausfor-derte, ist der Rückzug in die Traditionen der Heimat durchaus verständlich und nachvollziehbar. Sie hielt die Bewohner des Erzgebirges, ihrer Heimat, in alltäglichen Szenen fest und bildete sie bei traditionellen Tätig-keiten wie dem Klöp-peln ab. Ein Aquarell und eine aquarel-lierte Zeichnung in Feder waren vermutlich Vorstufen und Skizzen zu dem Pastell "Klöppeln bei der Schusterkugel im Erzgebirge". Die Atmosphäre ist gut eingefan-gen, die Formensprache erinnert an die dreißiger Jahre. Die Frauen sitzen dicht ge-drängt um einen Tisch, klöp-peln im Licht einer Öllampe, zwi-schen ihnen ein Kind. Im Pastell ist nur ein kleiner Ausschnitt dieser Szene übernommen, die Gesich-ter zweier Frauen. Die Hände sind durch das Licht der Öllampe erhellt, rundum ist es dunkel. Der Klöppelsack und die Beklei-dung der im Vordergrund sitzenden Frau sind blau, der einzige auffallende Farbton überhaupt. In diesem wie in dem Pastell von 1940, auf dem eine Mutter ihr Kind auf dem Rüc-ken trägt, hat Ma--ri-anne Brandt, ohne in idyllische Heimattümelei zu verfallen, Typisches ihrer Heimat darge-stellt. Diese Atmosphäre war ihr vertraut. Die maleri-sche Darstellung der erzge-birgischen Hei-mat war für sie in dieser grausamen Zeit innerstes Bedürfnis geworden. Einer-seits entsprach sie zumindest in der Thematik den Wünschen der Kunst-verantwortlichen, anderer-seits weicht die Umsetzung erheblich vom damals gängigen ab. In den Bildern ist kein Helden-tum, kein Pathos zu finden. Im Gegenteil, diese Darstellung versinnbildlicht die Befindlichkeit während des Krieges. Nur in der Nische fühlte man sich gebor-gen, einen hellen Lichtschein, eine geringe Hoffnung gab es nur im kleinsten Kreis innerhalb dieser Nische, umschlossen von Wänden und Dunkelheit, die aber auch keine absolute Sicher-heit bieten konnten. Man mußte sich verbergen.
In dem oben erwähnten Pastell trägt eine verhärmte Mutter ihr schon recht großes Kind in dem geringen Glauben, die Kindheit und Jugend wird diese Bedrängnisse überstehen. Das Kind muß rübergetragen werden, schaut hoffnungsvoll den Betrachter an, ist farbig dargestellt. Die Mutter dagegen verschwindet in ihrem faden Grün fast im dunklen Hintergrund. Marianne Brandt, fast 50jährig, resignierte für sich und für ihre Generation.
Im weiteren Verlauf des Krieges änderten sich die Motive ihrer Malerei kaum. Die Schrecknisse des Krieges werden erst nach Beendigung 1945 reflektiert, in Form von Ruinenbildern ihrer Hei-matstadt Chemnitz. Die kritische Darstellung des Krieges war nicht erwünscht. Sie arbeitete weiter an Stilleben. Beispiele sind das Aqua-rell "Sonnenrosen und Kürbis" von 1941 und das "Musik=Stilleben" mit Geige und Akkordeon, Landschaften aus der "Südstegermark", wo sie sich 1942 aufhielt, und das Bild "Landhändler" in Öl und als Aquarell. Außerdem illustrierte sie wahr-schein-lich für ihren Schwager Fritz Lafeldt, der als Kunstmaler in Berlin tätig war. Vermut-lich in Ermangelung an Material hat Marianne Brandt zwischen 1933 und 1945 ein kleines Wandbild, ein Mädchen mit Harke mit im Hinter-grund herabfallenden Blättern, an die Wand eines Zim-mers ihrer Dachwohnung gemalt und ordnete es später als Versuch ein. Die Fresco-Malerei wurde in den dreißiger bis vierziger Jahren "wiederentdeckt". Georg Muche, der an der Krefel-der Textilschule lehrte, arbeitete, wie viele andere auch, in dieser Technik.

Bis 1945 entstanden aber auch Entwürfe für Gobelins, Tapeten, Hausgerät, Möbel, Lampen und Schmuck. Sie schuf in mühe-voller Handarbeit einen Kaffeekannenwärmer aus rotem Filz. Appli-ziert ist er mit Blumen und Schmetterlingen, kunstvoll und aufwendig, aber hausmütterlich. Die befreundete Familie Seyfarth kaufte ihn, um Marianne Brandt finanziell etwas zu unterstüt-zen. (Seyfarth 1991) Ein weiterer Beweis für die Bastellust Marianne Brandts war der Rauschgold-engel, den sie im Auftrag ihrer Schwiegermutter Weihnachten 1942 anfertigte, hergestellt aus Pappe, gold und silbern bemalt. Sie kopierte ihn und andere Varianten mehrmals. Der Oberkör-per und Kopf sind holzgeschnitzt und mit Edelsteinimitationen besetzt. In den Händen trägt er jeweils einen goldenen Kerzenleuchter. Marianne Brandt verschenkte ihn stolz, u. a. der Familie Seyfarth, später der Oberschwester des Elisabeth-Krankenhauses in Chemnitz, das sie manch-mal, als sie älter und krank war zur Betreuung aufnahm und versorgte. Ein Foto davon schickte sie an Regina und Max Gebhard. Mehrere Exem-plare hingen um ihr Bett. Dieser Engel war aus der Tradition des Erzgebirges entstanden. "Es ist die Freude am Reiz der Oberfläche, und eine Transformation der Beziehung zum Erzgebirge. Wir alle haben das Erzgebirge verinnerlicht was für Außenstehende schwer erklärbar ist. Das ist eine merk-würdige Melange zwischen Sentimen-ta-li-tät und nicht mehr funktionierender Kritik." (Dietel 1994) Im Erzgebirge war die Weih-nachts--zeit besonders gemütlich, anheimelnd. Ker-zentragende Engel wurden in die Fenster ge-stellt, um die dunklen Straßen und Wege zu erhellen. Marianne Brandt liebte diese Romantik.