Werke Chemnitz 1945 - 1949

Die rege Ausstellungstätigkeit in Chemnitz begann im November 1945 in provisorischen Unterkünften. Zu dieser Ausstellung im Realgymnasium reichte Marianne Brandt die Ölbilder "Gloxinie", "Aloe, Apfel und Kressen" und das Aquarell "Kleines Haus in der Südsteger-mark" ein, allesamt während des Krieges gemalt. Unbekannt ist, welche ausgewählt oder ob alle gezeigt wurden.
Als Thema rückte der Mensch wieder stärker in die Mitte ihrer künstlerischen Auseinanderset-zung, besonders im Zusammenhang mit dem Leben im Alltag. In der Nachkriegszeit entwickelte sich ein umfassendes wie aktuelles Sonderthema in ihrer Arbeit, die Arbeitenden in den Trüm-mern der Stadt, auch Kinder gehörten dazu. Als einziges Bild aus dem Jahr 1945 ist heute eine aquarellierte Kohlezeichnung der Ruine ihres Hauses bekannt. Obwohl durch Bomben fast völlig zerstört, ist keine Tristesse, keine Anklage zu finden. Im Vordergrund wachsen Blumen, fast far-benfroh. Der Schrecken der Zerstö-rung ihres Hauses, wovon sie hart getroffen war, ist kaum zu erkennen. Mühsam wurde es provisorisch wieder aufge-baut und der Aufbau durch zahlrei-che Skizzen dokumentierend begleitet. Mit schnellen Strichen in Bewegung festgehalten, überla-gern sich die einzelnen Ebenen der Arbeitenden. Gruppen von drei bis vier Figuren brachte sie in der Bewegtheit des Tuns und in lockerer Strichelung auf das Papier. Vielleicht waren diese Studien als Vorstufe für eine größere Arbeit gedacht, die später nicht realisiert wurde. Auch Ruinen der Umgebung skiz-zierte Marianne Brandt in Tinte, Graphit, Kohle oder mit dem Kugelschrei-ber.

Als Auftragswerk entstand 1946 das Bild zweier Käthe-Kruse-Puppen. Eine zuvor gefertigte Skiz-ze nahm sie als Grundlage, die sie dann in der Anordnung leicht variierte. Hier setzte sie ihr an der Weimarer Kunsthochschule erlerntes handwerkliches Können unter Beweis. In zu-rück-haltenden Farben lehnen zwei Käthe-Kruse-Puppen in einem Sessel aneinander. Noch heute hängt das Bild über dem Original, dem abgebildeten Sessel mit den beiden Puppen, bei der be-freun-deten Familie Seyfarth in Leipzig.
Die Aquarelle "Gelbe Schale mit Birnen" und "Nachtlager im Wartesaal" von 1947 nahmen an der Mittelsächsischen Kunstausstellung des Jahres 1948 teil, und sind daraufhin, sicher initiiert durch ihre Freundin Johanne Müller, die in der Graphischen Sammlung tätig war, von den Städti-schen Museen aufgekauft worden.
Das Aquarell "Nachtlager im Wartesaal" zeigt einen völlig überfüllten Wartesaal, randvoll mit Schlafenden in allen nur möglichen Positionen, auch übereinander. Unter ihnen gab es viele Flüchtlinge und Obdachlose, eine direkte und künstlerisch interessante Form der Zustandsschil-derung, die derart bei ihr selten zu finden ist. In ihrer Malerei verzichtete sie meist auf die Aus-einandersetzung mit aktuellen Problemen. Es waren nicht nur die später als "Formalisten" bezeich-neten Maler, Graphiker und Bildhauer, die sich in mancherlei Zwiespalt gestellt sahen, sondern auch mancher Realist, der erfahren mußte, daß seine Bemühungen, sich den immer wieder erhobenen Forderungen nach Zuwen-dung zur Realität des Lebens zu stellen, durch den Vorwurf honoriert wurden, seine Werke seien zu pessimistisch und strahlten keine Zuversicht aus, während anderen vorgehalten wurde, sie malten mit ihren schönen Landschaften, Stilleben und Akten wie eh und je an der Wirklich-keit vorbei.

In einer erfrischenden Kritik zur Mittelsächsischen Kunstausstellung von 1949, die auf andere Art auch auf Marianne Brandt zutraf, hieß es: "Den größten Raum nehmen mehr oder weniger gut gepinselte konventionelle Bilder ein, wie sie nun seit Jahrzehn-ten geruhsam, unerschüttert von allen Ereignissen, jede derartige Ausstellung bevölkern. Flucht der Kunst, nicht einmal in den Elfenbeinturm der Aestheten, sondern in die Plüschsofaecke des Kleinbürgers. Wenige stel-len sich dieser Zeit. Von denen, die sie vom Formalen her zu packen suchen, kommen die meis-ten stilistisch über 1915 nicht hinaus, während der größte Teil jener, die sich ihr vom Inhalt nähern wollen, der heute gleichbedeutend zu sein scheint mit dem Thema 'Arbeit', Arbeiter malt, wie man eben früher Blumentöpfe malte. Sie geben die Impres-sion der Arbeit, nicht aber ihr Wesen wieder. Der Irrtum, zu glauben, daß man neuen Inhalt in alte Formen pressen kann." (Kunstausstellung 1949)
Marianne Brandt zeichnete vorwiegend Ruinen ihrer bombardierten Heimatstadt, hauptsächlich in der näheren Umgebung, ausschließlich als Aquarell, oder sie skizzierte in Graphit oder Kohle. Sie stellte die Armut Flüchtender dar, eine sehr stille Anklage, denn ihre Ruinenbilder sind fast hübsch zu nennen, wirken verschönend. Auch der große Maler Schmidt-Rottluff hatte Schwie-rig-kei-ten, sich in dieser neuen Zeit künstlerisch auszudrücken. "Die heftig zupackende und um-ge-staltende Kraft seiner Frühzeit ist einer passiveren Einfühlung in die Natur und zurückhalten-der Formung gewichen, die fast schön zu nennende Bilder schafft. Aber: Der Mensch mit seiner Problematik ist daraus verschwunden, die für die meisten ver-ständlichere 'Realistik' der neuen Bilder ist Produkt einer gewissen 'Abschließung' von unserer Realität." (Kunstausstellung 1949) Zum Teil sind die Standorte der Ruinen genau ange-geben, die Bilder enthalten genaue Ortsbe-zeich-nun-gen, Straßennamen, so die "Ruine vom Roß-markt", die Überreste einer Kirche. Sollte der Nachwelt der Zustand der stark zerstörten Stadt Chemnitz dokumentiert werden, viel-leicht sogar aus Ermangelung an Fotomaterial? Diesen nicht bedeutenden Blättern kommt eine besondere Bedeutung zu, als historische Dokumente einer hoffentlich nie wiederkehrenden Situation.
Solche Art der Malerei wurde durch die Medien kritisiert. "Genug Landschaften, die ihre Zeit in der Wiedergabe dessen erschöp-fen, was die Natur unmittelbar anbietet. Genug der selbstzu-friedenen Selbstporträts! ... Mit Ruinenbildern und Flüchtlingsszenen, die sich im naiven Abmalen erschöpfen, wird die Aufgabe nicht gelöst." Es wären "Bilddokumente, noch keine Kunstwerke". (Junghans 1946) Inmitten von Schutt, Trüm-mern und einer Pfütze spielen im Aquarell "Kinder spielen" kleine Kinder. Im Hintergrund ist die Ruine eines größeren Hauses zu sehen. Auch diese Arbeit kam über eine bloße Geschehnisschilderung nicht hinaus, besitzt, wie die mei-sten Wer-ke dieser Zeit von Marianne Brandt nur einen dokumentarischen Wert, gleichsam als Zeug-nis eines Zustandes.