Werke Dresden 1949 - 1951

Über die Form eines Möbels, Werkzeuges oder ähnliches dachte nach 1945 kaum jemand nach. Es herrschte Mangel an den elementarsten Dingen. Formgestaltung konnte nur helfen und den Mangel beseitigen. Formgestalter in der DDR bemühten sich um praktikable Entwürfe zur rea-len Bedarfsabdeckung, Preßglasarti-kel, emaillierte Stahlblechwaren. Marianne Brandt versuchte, mit kleinen Filzarbeiten wie Gürteln, Hosenträgern und Broschen, Geld zu verdienen. So ging es zu Beginn ohne intensive Überlegungen zur Gestaltung und der Not gehorchend um ganz profa-ne Dinge des täglichen Lebens.

Für die Generation von Marianne Brandt war es ein zweiter Anfang, meist mit Bauhaus oder Werkbund im Hintergrund. Die Initiative lag bei ihnen, nicht bei den Jüngeren, die während des Krieges keine Chance zur guten Ausbildung hatten. 1947 veranlaßte Horst Michel, Leiter der Fachklassse für Formgestaltung an der dama-ligen Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar, den Entwurf eines "Gesetzes gegen die Ausbeutung des Volkes durch Kitsch" durchzusetzen, das allerdings vom Thüringer Landtag abgelehnt wurde.

Schon 1947 interessierte sich Marianne Brandt für die damalige Hochschule für Werkkunst in Dresden. Als Marianne Brandt 1949 ihre Arbeit an der nun vereinigten Dresdener Kunsthoch-schule und danach am Berliner Institut aufnahm, trat die Male-rei wieder zugunsten der Formge-staltung zurück. "Ich habe in 3 Werkstätten, Metall, Keramik, Holzspielwaren, die industrielle Gestaltung zu veranlassen u. zu betreuen, außerdem bearbeite ich Beleuchtungskörper auf An-regung von M. Stam od. aus eigner Initiative. Da diese Abteilung erst seit meinem Antritt be-steht u. es außer-dem unendliche Schwierigkeiten mit Materialbeschaffung u. bez. Anschluß an die Industrie gibt, ist noch nicht allzuviel sichtbarer Erfolg vorhanden. Ich hoffe aber, es wird sich einstellen im Laufe der nächsten Semester, denn es sind allerlei Dinge begonnen, die mir nun doch bald einigermaßen gereift erscheinen. Bei uns muß man ja bedenken, daß wir gar Vie-les ganz von vorn anfangen u. sehr mühsam aufbauen müssen, ja daß das Haus selbst, ein sehr bedeutender Komplex von Gebäuden noch nicht wieder völlig in Stand ist." (BHA 12730/5)
Marianne Brandt entwarf verschiedene Keramiklampen, einfache Wandlampen, die, damit das Licht gestreut werden kann, durchlöchert waren. Als Studienarbeit betreute sie ein einfaches Steingutgeschirr, entwic-kelt für die Selbstbedienung vor allem in Ferienheimen des Freien Deut-schen Gewerkschaftsbundes. Die einzelnen Teile, Kaffeekanne, zwei Tassen, ein Behältnis für Sah-ne und ein Deckel, der auf alle Teile paßt, können variabel übereinander gestapelt und so leicht transportiert werden. Dieses stapelbare Geschirr ist eine streng auf die Funktion bedach-te Lösung in klaren Formen, das an ihre Arbei-ten aus der Bauhaus-Zeit anknüpft, diesmal in Ke-ra-mik. Eine ähnliche oder sogar fast identische stapelbare Kanne wurde von Albert Krause wäh-rend seiner Zeit am Berliner Institut entworfen. Wahrscheinlich sind beide unabhängig vonein-an-der von Mart Stam zu dieser Gestal-tung ange-regt worden. (Krause 1990) Mart Stam forderte in seiner Antrittsrede als Rektor der Hoch-schule in Dresden. "Die keramische indu-strie, die glas-industrie - sie brauchen modelle für blu-menva-sen, für alle möglichen speisegeräte, für be-leuchtungskörper, für armaturen, für waschti-sche usw. usw. Die metallindustrie - braucht mo-del-le für lampen, für elektrische apparate, für beschläge und für alle möglichen anderen gegen-stände." (zit. nach: Hirdina 1988, S. 16)

Gemeinsam mit Hans Brockhage, heute ein anerkannter Holzbildhauer, der ebenfalls aus dem Erzgebirge stammt, gestaltete Marianne Brandt eine Pyramide, aber durchaus funktionell und in klaren Formen. Sie pflegte die Traditionen ihrer erzgebirgischen Heimat, war "sensibel, poesie-voll, nannte das Erzgebirge nach Kleist ein bewegtes Meer von Erde". (Brockhage 1990) Hans Brockhage berichtet weiter von diesem Phänomen. "Sie war begeistert von jedwedem Kitsch, wenn irgendwo ein Räucherhäuschen, wenn eine Räucher-kerze unter einem Blechdach war. Sie hat solche Dinge selbst gemacht, selbst gebastelt. ... Marianne Brandt sagte selbst, ich war die, die am Bauhaus die Kugel erfunden hat. Aber sie hat genauso gern einen Kerzenständer gestal-tet, der abgeht von ihren rationellen Lampen. In ihr war eine unheimli-che Spanne. Sie war kein Fanatiker, der sagt, es gibt nur die Kugel und sonst nichts. ... Sie wußte genau, daß es überhaupt keinen Sinn hatte, den Kitsch per Gesetz zu verbieten, zum Beispiel den ZK-Beschluß Nr. 11 gegen Kitsch und Formalismus von Ulbricht. Sie sagte, Kitsch muß sein, als Gegenspieler. Mari-anne Brandt hat ihre Meinung vom Bauhaus behalten, aber gleichzeitig Kitsch produziert." (Brock-hage 1990) Diese Zweigleisigkeit gehörte zu der Persönlichkeit von Marianne Brandt. Ihre Wohnung war für Außenstehende angefüllt mit sog. "Kitsch", Selbstgebasteltem, Souvenirs, aber auch mit Werken aus ihrer Zeit am Bauhaus und bei den Ruppelwerken. "Ihre Wohnung war nischenhaft. Sie hatte sich völlig eingeigelt und zurückge-zogen. Aus Flitter gebaute Engels-figürchen u. a. hingen um ihr Bett herum." (Dietel 1990) Ihre sichere Urteilsfähigkeit behielt sie immer bei, begeisterte sich aber im selben Augenblick an Tinnef.

Die Inhalte ihrer Lehre in Dresden knüpften eindeutig an die Erfahrungen der Bauhaus-Zeit. Die damalige Kulturpolitik war dem noch nicht feindlich gegenübergestellt, sondern unterstützte sol-che Bemühungen. 1949 wurden in der Ausstellung "Gebrauchsgüter in Thüringen" Kitsch und Qua-li-tät demonstrativ gegenübergestellt. "Die praktische Handhabung spielte dabei noch die Haupt--rolle, das Verhältnis von Funktion und Form war noch nicht, wie einige Jahre später, zu-guns-ten der Form verschoben. Das nationale Kulturerbe beschränkte sich noch auf Goethezita-te im Goethe-jahr, die Produkte aber zeigten sich in Formen des zwanzigsten Jahrhundert, aller-dings in denen des Handwerks und der kleinen Serie." (Hirdina 1988, S. 13)
Mit der beginnenden Formalismusdebatte nahm die DDR Abschied von der Formensprache ei-ner modernen Industrie und stülpte Formen der Tradition und Vergangenheit, des Handwerks über die Produkte, die so weiterhin in Serie produziert wurden. Industrielle Massenproduk-tion war das Ziel. Formgestaltung war unmittelbar mit dem Einrichten von Wohnungen beschäftigt. In diesen ersten Jahren entstanden Dinge aus Glas, Holz, und Keramik, vor allem Spiel-zeug, ein-fa-ches Hausgerät, Möbel, Dekostoffe und Tapeten. Allerdings blieb das Meiste nur Entwurf, ging nicht in die Industrie. Es fehlte Werkzeug und Material, so daß nur einfa-che, wenig kom-plexe Industrieerzeugnisse hergestellt werden konnten. Oft wurde der Mangel mit Kitsch umhüllt. So kam das meiste für die Wohnung von kleinen Handwerksbetrieben, weniger aus den nur wenig vorhandenen Betrieben, die massenhaft hätten fertigen können. Auch die von Marianne Brandt in Dresden entworfenen Lampenschirme in Metall wurden nie industriell produziert. Zwei Ar-beitslampenschirme, eine komplette Arbeitslampe und eine Heizlampe sind allesamt in der funk-tionalen Tradition des Bauhauses entworfen, ebenso die ver-schiedenen Glaslampenschirme. Eine Wandleuchte ist, wie schon das stapelbare Geschirr, aus Steingut.
Die aus Metall gefertigten Broschen lassen den Mangel der Zeit erkennen, aber auch das Bemü-hen, bereits Vor-handenes aus der Industrie zu nutzen, um eine serielle Produktion zu erleich-tern. Ein Armband besteht aus Stanzabfall, die Brosche ist aus dünnem Messingblech mit Bohr-löchern hergestellt. Leider waren diese Dresdner Entwürfe zwar für die industrielle Massen-produktion gedacht, sind aber nie seriell vervielfältigt worden.