Werke Berlin 1951 - 1954

In Berlin setzte sich die funktionale Gestaltung von Gebrauchsgerät zunächst fort. Die Reflexion des Lichts nutzt sie in zwei verschiedenen Varianten einer Steingutlampe von 1951 (BHD I 618 K, BHD I 1377 K), gelb bzw. weiß glasiert, die vom Prinzip her sehr einer Nachttischlampe mit drehbarem Reflektor (BHA 1497, anonym) aus der Metallwerkstatt erinnert. Sie kann aufge-stellt oder an der Wand angebracht werden. Marianne Brandt entwarf Muster für Tapeten, oft mit Kreisen und anderen geometrischen Figuren, etwa Dreiecke als Pfeile in Graphit, klar und sich ständig wiederholend auf die Fläche gebracht. Sie experimentierte mit Stempeln in Form von Quadraten, Kreisen, Dreiecken, Sternen, Linien u. a., die sie verschiedenfarbig in einem klei-nen Format zueinander in Beziehung setzte
Mit dem Weggang von Mart Stam, der Umbenennung in "Institut für Ange-wandte Kunst", wurde ein anderer "Stil verlangt". Die ästhetischen Gegenstände wurden nicht nach ihrem Gebrauch, sondern als Objekte der Anschauung gefaßt, nicht in bezug auf die Praxis, sondern als Wider-spie-gelung, als Ausdruck für eine Ideologie. Hauptgesichtspunkt war nicht mehr die Funktion, sondern der Sinn. Der später im Jahr 1954, als Marianne Brandt nach Karl-Marx-Stadt zurück-kehrte, verbreitete Slogan "sozialistisch im Inhalt, national in der Form" brachte die Forderung-en auf einen Nenner. Sie entwarf einige Taschen, eine "Hand-Reisetasche", eine "Große Reiseta-sche mit abnehmbarer Außentasche", einen "Reisekoffer mit Aktentasche zum Aufschnal-len", einen "Reisekoffer" und einen "Stadtkoffer" (Sammlung Industrielle Gestaltung Inv.-Nr. 455/77, 456/77, 460/77, 454/779). Schon die Bezeichnungen zeigen, daß auch hier die praktische Funk-tion im Vordergrund stand. An der großen Reisetasche läßt sich eine Außenta-sche abnehmen, die getrennt benutzt werden kann, auch ein Schirm oder eine Jacke könnte ange-schnallt werden. Der Reisekoffer hat zum leichteren Tragen zwei Tragriemen. Er ist im Gegen-satz zu den Reise-taschen in klaren Formen entworfen. Unter den Schuhen sind Entwürfe für Sandalen, Stiefel, Pumps, auch hochhackige, Straßen- und Wanderschuhe zu finden.Marianne Brandt entwarf eine Standuhr, eine eigenartige Wanduhr für Holz und zahlreiche Schuhe, auch wieder Tapeten, nichts Nennenswer-tes, kurioserweise auch vier verschiedene Vorschläge für einen Volkskam-mer-ham-mer, die sehr an ein Indianerbeil erinnern. Außerdem entwarf sie Prägemuster für plas-tisch gemusterten Kunststoff für Badekappen, wieder geometrische Formen nutzend. Anzuneh-men ist, daß einige dieser Entwürfe dem ideologischen Druck der Formalismusdiskussion ge-schul-det sind. Zweifel-los bot sich ihr in der Ausstellungsbegleitung nach China eine willkomme-ne Fluchtmöglichkeit vor dieser Gestaltungsdoktrin

Obwohl in Berlin lebend, beteiligte sich Marianne Brandt an der "4. Mittelsächsischen Kunstausstellung" im Herbst 1951 in Chemnitz. Sie reichte den sehr guten Linolschnitt "Streichquartett" ein. Zwei Jahre später wäre diese Arbeit als Formalismus verschrien worden, ebenso wie die anderen beiden Musikerdarstellungen, ein ständig wiederkehrendes Thema in den verschieden-sten Materialien. Eine gleichermaßen interessante Kaltnadelradierung aus dem Jahr 1953 zeigt einen Bassist, scharf konturiert in einer interessanten Formensprache. Dieser wiederum agiert in einer anderen bemerkenswerten Arbeit, inmitten einer Musikantengruppe. Die Musizieren-den überlagern sich in verschiedenen Ebenen. Die Proportionen sind verschoben, der Kopf des Fagottspielers ist um ein Mehrfaches größer als der, der anderen. Der Violinist hockt oder sitzt im Vordergrund, der von der Größe her klein-ste. Auch die Plastik einer Geigerin verdient Auf-merk-samkeit. Eine Frau sitzt in der Hocke und spielt Geige. Details sind nur angedeutet, gear-bei-tet wurde in Gips. In der festgehaltenen Bewegung scheint sich die Musik widerzuspiegeln. Der Körper der Frau lebt in der Musik, bewegt sich mit bzw. in ihr.
Ein Abschluß dieser Schaffensperiode war die Betreuung der Ausstellung "Deutsche Ange-wandte Kunst in der DDR" 1953 in China, Schanghai und Peking, die sie in ihrem Formempfin-den und Schaffen stark prägte.