Werke 1954-1983

Das Bauhaus war als Abart des Formalismus verurteilt. Sich trotzdem zu seinen Zielen beken-nen oder sogar dies in eigenen Werken zu zeigen, verlangte sehr viel Kraft und Mut. Im privaten Gespräch schilderte Marianne Brandt die Ziele des Bauhauses, schwärmte von der Atmosphäre. Ihre bildnerischen Werke dieser Zeit aber kamen über eine erzählerische Durchschnittlich-keit nur selten heraus. In der künstlerischen Betätigung zog sie sich, besonders nach ihrer Chinarei-se, zurück und arbeitete kleine Keramikfigürchen. Sie knüpften, wie zuvor auch die Male-rei, nicht an ihre Fähigkeiten aus der Bauhaus-Zeit an, zeigten aber ihre handwerkliche und künst-lerische Fähigkeit, Typisches in Ton festzuhalten.
Sie äußerte sich in ihrem Reisetagebuch über die chinesische Plastik. "Unter der neuen Keramik einige ganz ausgezeichnete figürliche Darstellungen der modernen Menschen hier, nicht so ver-krampft wie bei uns." (Reisetagebuch 10.12.1953) Sie dokumentierte das Leben der chine-sischen Menschen. Marianne Brandt verarbeitete und gestaltete in ihnen Eindrücke aus China, ein Land, das sie nachhaltig beein-flußt hat. Sie formte einfache chinesische Menschen, eine Mutter mit Kin-dern, Frauen bei der Arbeit, Kinder. Auffallend ist auch hier wieder, daß es sich fast ausschließ-lich um Frauen handelte, eine Teepflückerin, eine chinesische Trägerin, Musizie-rende, eine Flö-ten-spielerin und eine chinesische Frau beim Teepflückertanz. Außerdem gestal-tete sie natürlich Kinder, ein von ihr schon immer bevorzugtes Thema. Sie werden beim Spiel dargestellt, einfach und natür-lich, z. B. ein lesender Junge. Er strahlt eine selbstverständliche Ausgeglichenheit und Harmonie aus. Besonders augen-scheinlich ist die äußerliche Harmonie der Plastik Mutter mit zwei Kindern, die in ihren Bewegungen eine Einheit bilden, obwohl ein Junge sich sogar abwen-det. Die Spuren der Tonbearbeitung, wie recht oft deutlich erkennbar, geben der Plastik Lebendigkeit und Erdverbundenheit. Die Plastiken sind sehr klein, durch-schnittlich 15 cm hoch. Sie sind meist in Gips, als Entwurf für Keramik, oder auch aus Ton gearbeitet. Leider sind von vie-len nur noch Fotos vorhanden, allerdings fein säuberlich auf Karton geklebt und mit dem Sig-num von Marianne Brandt, ihr Name in chinesischer Schrift, gestempelt. Einige Plastiken ver-kauf-te Marianne Brandt später in "Kunst der Zeit" in Karl-Marx-Stadt.

1958 bewarb sich Marianne Brandt mit dem Ölbild "Fähren auf der Elbe" um die Teil-nahme zur Mittelsächsischen Kunstausstellung. Es wurde abgelehnt. Formal gesehen ist es keine gute Ar-beit, könnte aber als eine Kritik am Regime interpretiert werden. Die Menschen in der DDR hatten gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Im Vordergrund am Kai der Elbe, der Grenzfluß war, warten Leute, die auf die andere Seite, die vielleicht die BRD versinnbildlichen soll, blicken. Die Fähre, die zur Überfahrt schon angesetzt hat, ist fast leer und für die Wartenden offensicht-lich nicht zugänglich. Das auffällige Achtungszeichen in der Mitte des Bildes verstärkt den Ein-druck noch. Wählte ein Künstler in der damaligen DDR ein Thema wie Überfahrt oder auch Mau-er, wurden sehr schnell solche Gedanken assoziiert. Erste Männerakte nach langer Zeit entstanden1985, fast dilettantisch mit Kugel-schreiber skizziert. In die Zeit der fünfziger bis sech-ziger Jahre war nach langer Pause wieder einmal eine Arbeit in Holz einzuordnen. Auf einem gro-ßen Wur-zelholz, wahrscheinlich gebroche-nes Holz, an dem die Strukturen besonders plas-tisch sichtbar waren, zog sie dünn markante Züge mit gold und sil-berner Farbe nach.
Marianne Brandt hing sehr an Kleinigkeiten und Erinnerungswerten. "Im Alter kam eine roman-tische Stimmung auf, nicht übereinstimmend mit ihrer Jugendaktivität war, eine Geschmacks-ver-änderung, Neufor-mierung ihrer ästhetischen Wertungen. ... Marianne Brandt war keine robuste Frau, sondern sensibel, stimmungsabhängig und zeitweilig sehr depressiv."(Krause 1990) Und Hans Brockhage meinte, sie "hatte ihre Meinung vom Bauhaus behalten, aber gleichzeitig Kitsch produziert." (Brockhage 1990) "Die ersten Pralinenschachteln aus dem Westen kamen mit ko-mischen Goldfassungen. Wenn man die Pralinen aufgegessen hatte, war das ein seltsames Relief. Das hatte sie an der Wand hängen. Den Kitsch hat sie geliebt. Sie hat auch sehr schöne Stoffe aus China mitgebracht, schöne Baumwollstoffe, trug sie auch als Kleider, hübscher alter Schmuck." (Spies 1991)
Spät kam die Anerkennung des Bauhauses in der DDR, spät aber auch das Interesse des We-stens an den Arbeiten von Marianne Brandt. Wurde sie auf das Bauhaus angesprochen, das inzwi-schen fast glorifiziert wurde, antwortete sie, "Der Geist des Bauhauses von dem man heu-te spricht war eher ein Ungeist. Ich kenne nur den Ungeist, der am Bauhaus geherrscht hat. Aber dieser Ungeist war so produktiv, daß er heute zu einem guten Geist gemacht wird". (Brockhage 1994) Dennoch war sie stolz auf ihre Arbeit am Bauhaus, besonders auf die dort entstandenen Werke. Sie hat immer gern daran zurückgedacht. Eine Bekannte von Marianne Brandt schrieb, sie sei zu verstehen, "daß sie stolz ist, hier die Lampen entworfen zu haben". (Kuntze 1978)
Das künstlerische Tätigsein gab Marianne Brandt erst sehr, sehr spät auf. 1962, knapp siebzigjährig, entstand die beachtenswerte Terrakotta-Figur "Klein-Monument eines Satten", an ande-rer Stelle von ihr als "Unser Sektionsleiter ruht sich aus" (BHA 10000) bezeichnet. Ein beleibter Mann liegt entspannt in einem Sessel. Details sind nicht ausgearbeitet. Die Arbeit ist sehr kom-pakt. Dazu völlig im Gegensatz plastizierte sie zwei Jahre später zwei Hähne und die Plastik "Tag-verkündender Hahn", Arbeiten, die sehr stark an die Volkskunst der DDR in ihrer schlech-ten Umsetzung in zahlreichen Zirkeln erinnern, ohne Gefühl für das Material und die Propor-tio-nen. Die einzelnen Teile wirken wie getrennt gearbeitet und danach zusammengefügt. Weni-ger starr sind die Tänzerinnen, die ungebrannt die Zeit bis jetzt überlebt haben. Sie sind leben-diger, scheinen in Bewegung, inmitten des Tanzes festgehalten.
Seit den fünfziger Jahren, wie auch schon während des Krieges, war die Kunst für Marianne Brandt ein Fluchtpunkt. Sobald eine Gemeinschaft, die ihr Anregungen zur Gestaltung hätte geben können, fehlte, zog sie sich größtenteils in kleine Privatkunst, in Naturstudien und unver-fängliche Themen zurück.